Nachkriegszeiten - Normale Zeiten

Die Stadtkapelle ist wieder da

Gegenwärtig scheint nach 4jähriger Ruhe das hiesige Vereinsleben wieder zu neuem Leben zu erwachen. Ueberall regt sich’s. Eine Ausschußsitzung bezw. Vollversammlung drängt die andere. Beratungen und neue Beschlüsse legen den Grund zu frischer Vereinstätigkeit, die einigermaßen über das Elend der jetzigen trüben Tage weghelfen soll.

Laupheimer Verkündiger, 04.03.1919

Die Bürger der Stadt sehnten sich nach Normalität. Der Fasching sollte weder 1919, 1920 noch 1921 gefeiert werden. Die Vereine aber nahmen ihre Tätigkeit so gut wie möglich wieder auf.

Der Gesangverein „Cäcilia“ beschloss, auf Ostern 1919 ein Konzert zusammen mit der Stadtkapelle aufzuführen. Berichte darüber existieren nicht. Die Stadtkapelle selbst trat aber zuvor, am Sonntag, 30.03.1919, mit einem eigenen, großen Konzert des Blasorchesters an die Öffentlichkeit – dem ersten nach fünf Jahren kriegsbedingter Pause. Endlich konnte Dirigent Franz Laub wieder regelmäßig proben. Sein Ziel war, die Kapelle möglichst schnell wieder auf das enorm hohe Niveau wie vor dem Krieg zu bringen. Bei dieser Gelegenheit zog die Stadtkapelle ihre erschütternde Kriegsbilanz: Drei Musiker hatten den Krieg nicht überlebt, zwei waren an der Front gefallen, einer war an der im deutschen Heer grassierenden „spanischen Grippe“ gestorben. Insgesamt waren zehn Musiker – die Hälfte der Vorkriegsbesetzung des Blasorchesters - im Feld gestanden. Fünf von ihnen waren verwundet worden. Fünf weitere hatten in Garnison gedient, alle anderen waren zu Hilfsdiensten eingeteilt gewesen. Wir können annehmen, dass bei den Beteiligungen der Stadtkapelle an Wohltätigkeitskonzerten während des Krieges vor allem das kleine Streichorchester aufgetreten war – die Blaskapelle, hauptsächlich aus wehrdienstfähigen Männern bestehend, dürfte die meiste Zeit nicht zu größeren Auftritten in der Lage gewesen sein. Die Namen der drei Kriegstoten sind nicht mehr bekannt. Von den Verwundeten sind zwei benennbar: Hans Ganser und Anton Graf. Von dem denkwürdigen Konzert im „Rabensaal“ ist weder ein Programm noch ein Bericht überliefert.

Anzeige zum ersten Konzert der Stadtkapelle Laupheim nach dem 1. Weltkrieg, 29.03.1919
Anzeige zum ersten Konzert der Stadtkapelle Laupheim nach dem 1. Weltkrieg, 29.03.1919

Die Stadtkapelle tat sich wohl noch nach dieser Wiederauferstehung schwer, denn sie fehlte bei der Himmelfahrtsprozession 1919 der katholischen Kirchengemeinde, normalerweise ein Pflichttermin. Umso mehr freute sich die Bevölkerung, als sie bei der Fronleichnamsprozession am 19.06.1919 wie gewohnt mit klingendem Spiel mitwirkte. Und es war eine Volksmenge, wie sie in Laupheim nie zuvor zu diesem Anlass gesehen ward. Das Sehnen nach Normalität und Lebensfreude schien groß gewesen zu sein: Beim nachmittäglichen Gartenkonzert der Stadtkapelle beim Vereinshaus am selben Tag war der Andrang so groß, dass zahlreiche Besucher umkehren mussten, weil sie keinen Platz fanden. Der folgende Sonntag sah die Kapelle erneut Open Air in Aktion. Der Laupheimer Verschönerungsverein hatte seinen leicht außerhalb der Stadt liegenden Park „Höhenanlage“ wieder hergerichtet und ihn mit einem Promenadekonzert eröffnet. Auch diese Veranstaltung verzeichnete ausgezeichneten Besuch. Die Stadtkapelle verkündete, in diesem Jahr zwei weitere Promenadekonzerte aufführen zu wollen.

Die neuen politischen Zeiten brachten einen ganz neuen Festtag. Der 1.  Mai war zu einem nationalen Feiertag zu Ehren der Arbeiter erklärt worden. Selbst im konservativen, sozialistischen Umtrieben abholden Laupheim setzten die sozialdemokratischen Vereine die Feier dieses Tages durch. Sie verpflichteten die Stadtkapelle für ein Konzert auf dem Platz bei der Rottumbrücke und zur Begleitung eines Festzuges. Die Gage musste die Stadt Laupheim bezahlen.

Titel für Franz Laub

Am Samstag, den 21.06.1919 tagte der Gemeinderat der Stadt Laupheim. Bei dieser Sitzung erfüllte er einen Wunsch, den zahlreiche Bürger und die Presse schon unmittelbar vor dem Krieg und erneut nach dem Wohltätigkeitskonzert am 05.05.1918 geäußert und schließlich mit einem Brief vom 21.06.1919 an den Stadtrat schriftlich beantragt hatten: Die Stadt möge Franz Laub endlich einen seiner Bedeutung und musikalischen Erfolge angemessenen Titel zuerkennen. Der Dirigent der Stadtkapelle wurde nun zum städtischen Musikdirektor ernannt - der erste Musiker überhaupt, dem diese Ehre in Laupheim zuteil wurde.

Ein trauriger Auftritt folgte für die Stadtkapelle. Am Sonntag, 13.07.1919 musizierte sie bei der Beerdigung der Frau ihres Musikkameraden Alois Epple, Mutter von vier Kindern, die im Alter von nur 34 Jahren verstorben war. Am folgenden Sonntag schloss ein freudigerer Auftritt an, die Stadtkapelle war für das Fest der Gewerkvereine im Schlossgarten engagiert worden. Zwei Wochen später dann endlich wieder ein auswärtiger Auftritt – in Ehingen wurde ein Promenadekonzert auf dem Marktplatz und ein Konzert im Blaufeldgarten gegeben. Der 10.08.1919 brachte in Laupheim ein Leichtathletik-Fest des Fußballvereins Olympia. Bei einem vormittäglichen Promenadekonzert der Stadtkapelle verkaufte die „Olympia“ Blumen zugunsten ihres Sportplatz-Fonds. Am Abend wurde im Garten des Bahnhofhotels eine „italienische Nacht“ mit Musik der Stadtkapelle gefeiert.


Kinderfestzeiten

Derweil erinnerte man sich an ein bevorstehendes städtisches Jubiläum: Im August 1869 hatte Laupheim das Stadtrecht verliehen bekommen. Angesichts der herrschenden Not sollte auf große Feierlichkeiten zum 50-jährigen Stadtjubiläum verzichtet werden, doch wollte man zumindest den Kindern zu diesem Anlass eine Freude machen – es sollte nach neun Jahren wieder einmal ein Kinderfest veranstaltet werden! Bei der Festsitzung zum 50. Jahrestag der Stadterhebung ernannte der Gemeinderat den großen amerikanischen, aus Laupheim gebürtigen Wohltäter der Stadt, Carl Laemmle, zum Ehrenbürger. Da die Stadt selbst keine Mittel für die Ausrichtung eines Kinderfestes hatte, wurde eine Spenden- und Gabensammlung veranstaltet. Eine von mehreren Sammelstellen wurde im Konditoreigeschäft von Musikdirektor Laub eingerichtet. Ein neu gegründetes Konkurrenzorchester zur Stadtkapelle nutzte die Situation, um auf sich aufmerksam zu machen. Das Salonorchester von Friseur Josef Schick –selbst bei der Stadtkapelle - veranstaltete in der „Krone“ ein gut besuchtes Benefizkonzert zugunsten des Kinderfestes.

Anzeigen zum Kinderfest Laupheim 1919
Anzeigen zum Kinderfest Laupheim 1919

Das Kinderfest startete am Samstag, den 13.09.1919 um 19 Uhr mit einem Schülerzug mit 1000 Kindern, voraus die Stadtkapelle und die drei Gesangvereine, zur Höhenanlage. Dort gab es Musik- und Gesangsvorträge und ein Feuerwerk. Den anschließenden Rückmarsch über Ulmer und König-Wilhelm-Straße zum Marktplatz begleitete wieder die Stadtkapelle. Am Sonntag begann der Festtag mit einer Tagwache um 6 Uhr durch die Stadtkapelle. Um 13:15 Uhr startete ein Festzug der Schüler, der unter Vorantritt der Stadtkapelle über Mittelstraße und Marktplatz zum Festplatz führte. Auf dem Festplatz war eine Tribüne aufgebaut, auf der der Schülerchor, begleitet von der Stadtkapelle, sang. Die Kapelle unterhielt die Festbesucher danach den ganzen Nachmittag. Für die Kinder gab es außerdem Vorführungen eines Kasperletheaters. Vor dem Fest war ausdrücklich betont worden, dass das Kinderfest zwar ein Stadtfest sei, auswärtige Besucher aber gerne kommen könnten, insbesondere diejenigen, die die Stadtbewohner in der Notzeit mit Lebensmitteln versorgten.

Feier-Zeiten

Am 21.09.1919 wurde in Baustetten die neue Orgel der katholischen Kirche eingeweiht. Das Instrument wurde mit einem Orgelkonzert eingeführt, bei dem die Stadtkapellen-Musiker Franz Laub (Trompete) und Alois Epple (Althorn) mit dem Organisten die Fantasie „Lobe den Herren“ aufführten. Eine Woche später veranstaltete der katholische Arbeiter-, Arbeiterinnen(!)- und Gesellenverein im Vereinshaus-Saal in Laupheim seine Familienfeier, die von der Stadtkapelle musikalisch eröffnet wurde. Neu gegründet worden war ein Chor des Vereins, der von Stadtkapellen-Dirigent Franz Laub geleitet wurde. Auch bei der Bonifatius-Feier des Volksvereins für das katholische Deutschland, die am 19.10.1919 stattfand, traten Stadtkapelle und Gesellenchor auf.

Die zahlreichen Gefallenen des Kriegs sollten in Laupheim geehrt werden. Zum Jahrestag des Kriegsendes veranstaltete der Militärverein eine Gefallenenehrung. Am Donnerstag, den 06.11.1919 führte die Stadtkapelle einen feierlichen Zug mit Musik von der katholischen Stadtpfarrkirche, wo ein Gottesdienst stattgefunden hatte, zum Friedhof. Dort fand die Ehrung der Gefallenen statt, wobei die Stadtkapelle das Lied „Ich hatt‘ einen Kameraden“ intonierte. Aufgrund der knappen Vorbereitungszeit war keine interkonfessionelle Regelung für die Ehrung zustande gekommen, was für die zukünftigen Veranstaltungen geplant war, denn dies sollte eine dauerhafte Einrichtung werden. Ein Kriegerdenkmal war bereits ausgeschrieben worden. Von den eingegangenen Entwürfen wurde derjenige des Münchner Künstlers Schädler von einer Kommission zum Sieger erklärt.

Die Tradition der Cäcilien-Konzerte wurde am 29.11.1919 wieder aufgenommen. In den Kronen-Sälen traten der Gesangverein „Cäcilia“, der katholische Kirchenchor und das Streichorchester der Stadtkapelle auf. Am 10.12.1919 spielte die Stadtkapelle Trauermusik bei der Beerdigung von Albert Magg, dem Gründer und Ehrenvorsitzenden des Laupheimer Verschönerungsvereins. Erstmals seit vor dem Krieg veranstaltete der Ortsverband des Deutschen Gewerkvereins am 28.12.1919 wieder eine Christbaumfeier, zu der im Vereinshaus die Stadtkapelle aufspielte. Auch bei der Weihnachtsfeier der katholischen Arbeiter- und Gesellenvereine im überfüllten Vereinshaus trat das Streichorchester der Stadtkapelle auf. Der Fasching sollte aber auch 1920 ausfallen – das Innenministerium Württembergs verbot angesichts des Ernstes der Zeit das Tragen von Masken und Verkleidungen. Besonders Ernst war die Lage in Wien, wo eine Hungersnot herrschte. Laupheimer Musikschaffende führten daraufhin ein Wohltätigkeitskonzert zugunsten der hungernden Kinder Wiens durch. Der Saal des sogar beheizten Vereinshauses war am 01.02.1920 bis zum Erdrücken gefüllt, als alle drei Laupheimer Gesangvereine und die Stadtkapelle sowie weitere Musiker ihre Stücke vortrugen.

Heimkehrzeiten II

Die letzten unmittelbaren Kriegsfolgen sollten in Laupheim erst im April 1920 geheilt werden. In diesem Monat kehrten die letzten kriegsgefangenen Laupheimer in ihre Heimat zurück. Zu ihrer Ehre und Freude veranstaltete die Stadt Laupheim am Sonntag, den 25. April 1920 in den überfüllten Sälen der „Krone“ eine Empfangsfeier. Die Gesangvereine „Cäcilia“ und „Concordia“ wirkten daran mit, nur der jüdische Gesangverein „Frohsinn“ zeigte bereits Auflösungserscheinungen und konnte mangels ausreichender Anzahl von Sängern nicht auftreten. Für instrumentalen Glanz sorgte in gewohnter Qualität die Stadtkapelle.