Nachkriegszeiten - Heimkehrzeiten

Laupheimer Verkündiger, 14.11.1918: Waffenstillstand
Laupheimer Verkündiger, 14.11.1918: Waffenstillstand

Als Johann Manz an Kriegsfolgen verstarb, war der Krieg bereits zu Ende. Nach dem Friedensschluss mit Russland im Frühjahr 1918 waren auch in Laupheim Hoffnungen auf ein siegreiches Kriegsende aufgeflammt. Doch diese trogen, die Offensiven der deutschen Truppen im Westen führten zu enormen Verlusten, die sich in Laupheim in immer häufiger werdenden Meldungen über verwundete, gefangene und gefallene Laupheimer manifestierten. Ein anonym bleiben wollender Wohltäter stiftete für die heimischen Kriegsopfer ein am 7.11. zelebriertes levitiertes Requiem in der katholischen Stadtpfarrkirche. Die dabei durchgeführte Sammlung zugunsten eines Fonds, der eine jährliche Kriegergedächtnisfeier ermöglichen sollte, erbrachte den vergleichsweise geringen Betrag von 81 Mark – auch finanziell war die kriegsmüde Bevölkerung ausgeblutet. Bereits Anfang November berichteten die örtlichen Zeitungen über im Deutschen Reich aufflammende Unruhen. Am 9. November 1918 – dem Tag der Kapitulation der deutschen Heere - wurde in Württemberg die Republik ausgerufen, der König dankte ab. Revolutionäre Arbeiter- und Soldatenräte bildeten sich. Im Laupheimer Arbeiter-, Bauern- und Bürgerrat war Alois Epple vertreten, Musiker der Stadtkapelle.

Ungewisse Zeiten

Die politischen Umwälzungen in Laupheim liefen unblutig ab. Doch die Ungewissenheit und der Informationsbedarf über das Kommende war groß. Die bisher am Ort unbedeutende Sozialdemokratische Partei trat zusammen mit den vereinigten Gewerkschaften als erste am 15.11.1918 in der „Germania“ mit einer Volksversammlung zum Thema „Politische Umwälzungen in Land und Reich“ an die Öffentlichkeit. Die katholischen und bürgerlichen Parteien Zentrum, Nationalliberale und Fortschrittliche zogen am selben Wochenende nach. Die Versammlung unter dem Titel „Kriegsende – Umwälzung und Zukunft unseres Volkes“ musste ob des Andrangs dreimal durchgeführt werden, in „Raben“, „Krone“ und „Post“ kamen insgesamt über 2000 Interessierte zusammen. Erstmals waren Frauen ausdrücklich zu politischen Versammlungen geladen. Sie sollten bald das Wahlrecht erhalten, das ihnen im Kaiserreich verwehrt gewesen war.

Heimkehrzeiten I

Der Bericht des „Großen Hauptquartiers“ vom 11.11.1918 war der letzte, der im „Laupheimer Verkündiger“ erschien – die Jahre zuvor stand diese amtliche Kriegsberichterstattung in jeder Ausgabe an erster Stelle. In der letzten Novemberwoche kehrten die ersten entlassenen Laupheimer Frontsoldaten in ihre Heimat zurück.

Wie ganz anders war es in den Augusttagen 1914, u. wie ist es jetzt im November 1918 ? Damals zogen sie in geschlossenen Trupps singend und frohen Mutes, in voller Begeisterung, begleitet von den herzlichen Wünschen für Wohlergehen und glückliche Heimkehr hinaus zum Kampfe für Vaterland und Familie. Die Verhältnisse haben sich anders gestaltet, unsere damaligen Hoffnungen und Wünsche haben sich nicht verwirklicht. Die Lage hat sich vollständig geändert. Nicht besiegt, aber vor der gewaltigen Uebermacht der Feinde, das ist der ganzen Welt, sahen sie sich genötigt, um weiteres Blutvergießen und Unheil abzuwenden, den Kampf einzustellen, die Errungenschaften 4-jähriger Strapazen aufzugeben und heimzukehren.

Laupheimer Verkündiger, 23.11.1918

Triumphbogen für die heimkehrenden Krieger, Laupheim Lange Straße, 1918
Triumphbogen für die heimkehrenden Krieger, Laupheim Lange Straße, 1918

Laupheimer Händler boten Dekorationsartikel zum Empfang der Heimkehrer an. Als Anfang Dezember eine Eliteeinheit, die württembergische 2. Kompanie des Sturmbataillons 16, von der Vogesenfront über Freiburg zur Demobilisierung in Ulm kommend nach Laupheim kam, begleitete die Stadtkapelle die Truppe mit klingendem Spiel durch den Ort. Zum Dreikönigsfest am 6. Januar 1919 fanden in Laupheim besondere Feierlichkeiten zu Ehren der heimgekehrten Soldaten statt. Evangelische, israelitische und katholische Kirchengemeinde feierten Festgottesdienste, zu denen man sich gemeinsam bei der Schule in der Mittelstraße versammelte und mit Fahnen und Musik der Stadtkapelle durch die beflaggten Straßen zu den Gotteshäusern zog. Nach dem katholischen Gottesdienst marschierte die Stadtkapelle erneut dem Festzug voran zum Marktplatz, wo sie ein Promenadenkonzert vor einer riesigen Menge von Zuhörern gab, die bis zum letzten Ton ausharrten. Am Abend veranstaltete die Stadt im Vereinshaus eine Begrüßungsfeier. Die Saaldekoration hatte der die Kämpfe des Weltkrieges als Leutnant überlebende zweite Sohn des Stadtkapellen-Ehrendirigenten Nikolaus Stumpp, Hermann Stumpp, entworfen. Alle drei Gesangvereine, „Cäcilia“, „Concordia“ und „Frohsinn“ traten auf, ebenso die Stadtkapelle. Einige Stücke wurden gemeinsam gegeben, am Tag zuvor hatte deshalb noch eine Gesamtprobe aller Vereinigungen stattgefunden. Noch waren nicht alle Wunden der Frontkämpfer geheilt. Ende Januar hatte die Stadtkapelle die Beerdigung eines seinen Verwundungen erlegenen Soldaten begleitet. Der Militärverein Laupheim führte seine Feier zur Ehre der Kriegsheimkehrer am 22.02.1919 in der „Krone“ durch, auch hier waren alle Gesangvereine und die Stadtkapelle beteiligt. Die „Concordia“ ehrte ihre heimgekehrten Kriegsteilnehmer mit einem Konzert am 2. März, bei dem das Streichorchester der Stadtkapelle mit drei Stücken auftrat und mit einigen Bläsern einen Männerchor begleitete.


Notzeiten

50 Pfennig Notgeldschein, Stadt Laupheim, 1919
50 Pfennig Notgeldschein, Stadt Laupheim, 1919

Die Rückkehr zu einem geregelten Leben in Frieden fiel nach vier Kriegsjahren schwer. Die Stadt Laupheim war wie das ganze Reich finanziell und menschlich ausgeblutet. 168 Männer waren gefallen. Geld fehlte buchstäblich – die Stadt musste dem Mangel an Münzgeld seit 1917 durch Ausgabe eigener Notgeldscheine mit Pfennig-Nennwerten abhelfen. Die im Sommer 1919 ausgegebenen 50 Pfennig-Scheine waren so stark nachgefragt, dass eine zweite Serie gedruckt werden musste. Das Geld wurde schnell weniger wert. Gegen die Teuerung führte die Laupheimer Arbeiterschaft schließlich am 18.09.1919 einen Protestzug durch – nach der Arbeit, wie es sich gehörte. Für die anschließende Versammlung verweigerte der katholische Kaplan Müller die Nutzung des Vereinshauses „zum Raben“, des größten Saals der Stadt. Einige Tage zuvor hatte der Spartakus-Bund in der „Krone“ eine Versammlung zum Thema „Was wollen die Kommunisten?“ veranstaltet und dabei die Schaffung einer Räterepublik gefordert.

50 Pfennig Notgeldschein Rückseite, Stadt Laupheim, 1919
50 Pfennig Notgeldschein Rückseite, Stadt Laupheim, 1919

Trotz der vielen an Kriegsfolgen und „Spanischer“ Grippe gestorbenen Bürger und der zurückgegangenen Geburtenrate war Laupheim durch Zuzüge gewachsen. Die Volkszählung von 1919 wies 5.625 Einwohner aus. Dies und der erhöhte Wohnungsbedarf aufgrund vieler Kriegstrauungen führte zu einer Wohnungsnot. Die Belegung von Wohnungen wurde unter städtische Aufsicht gestellt, es wurde erwogen, Wohnungssuchende im Pfarrhaus einzuquartieren. In den Umlandgemeinden stieß dies auf kein Verständnis, da dort genügend Wohnraum vorhanden wäre – man müsse die Leute nur aufs Dorf schicken. Brennstoff, vor allem Kohle, war Mangelware. Das Elektrizitätswerk Laupheim setzte ab Mitte September 1919 jeden Abend ab 17 Uhr die Stromlieferung aus, um Kohle zu sparen. Ab Mitte Oktober wurde der Personenverkehr mit der Eisenbahn an Sonntagen aus Kohlemangel eingestellt. Die Laupheimer Friseure öffneten wegen fehlendem Heizmaterial ab November ihre Läden nur noch an wenigen Stunden. Die politisch unsicheren Notzeiten führten dazu, dass im Oktober zur Gründung einer Bürgerwehr aufgerufen wurde, die gegen alle Gefahren, „Schieber, Bolschewismus und Reaktion“, gleichermaßen agieren sollte.