Kriegszeiten - Die Nagelung der Lyra

Nagelung der Lyra, Laupheim, 30.07.1916. Links oben Haus und Konditorei von Dirigent Franz Laub, rechts das Baugeschäft Rupf. Sämtliche Gebäude existieren nicht mehr.
Die Nagelung der Lyra, Laupheim Postplatz, 30.07.1916

Bierschwund und Frauentaten

Selbst im von den Fronten weit entfernten Laupheim zeigte sich der Krieg unmittelbar. In der Wanderarbeitsstätte wurden französische Kriegsgefangene einquartiert, die bei der Rottumregulierung mitarbeiten mussten. Laupheims verbliebene Männerwelt wurde eifersüchtig: „Schamlose“, junge Frauen schlichen um das Quartier der Franzosen herum und bandelten mit ihnen an. Höhergestellte Frauen dagegen sorgten sich um die in Laupheim gepflegten Verwundeten. Schlossherrin Steiner richtete in einem Raum der Kleinkinderschule ein Kriegerheim ein, wo Verwundete etwas Ablenkung und Erholung fanden. Im Oktober 1915 dann allerhöchster Besuch: Königin Charlotte inspizierte das Vereinslazarett des Roten Kreuzes in Laupheim – ohne den gebührenden großen Empfang, die Königin hatte sich nicht angekündigt.

Die Laupheimer Schlossbrauerei sorgte sich um das Wohlergehen der Soldaten an der Front. Ein Eisenbahnwaggon mit 6000 Liter Bier ging an die württembergischen Einheiten. Ob es sich dabei um das vorschriftsmäßige Kriegsdünnbier handelte, ist nicht überliefert. Die Kronenbrauerei konnte es ihr nicht nachtun, ihr Produktionsgebäude am Kirchberg brannte im Mai 1915 komplett ab.

Darum halten wir sie fest, die herrliche Zeit, in Wort und Bild.

Hauptlehrer Schmidt, Laupheim 1915

Noch waren viele voller Siegeszuversicht. Hauptlehrer Schmidt warb anfangs 1915 für eine durch ihn zu erstellende örtliche Kriegschronik, wofür er Bilder der Kriegsteilnehmer suchte – die Chronik sollte nie ausgeführt werden. Am Fronleichnamstag löste die Kunde von der Rückeroberung Przemysls von den Russen große Freude aus; die mit Beflaggung, Böllerschüssen und Glockengeläut gefeierte Eroberung Warschaus im August ließ auf ein bald bevorstehendes Kriegsende hoffen.

Wohltätige Musiker

Katholischer Kirchenchor und Gesangverein „Cäcilia“ griffen die Idee des Wohltätigkeitskonzertes wieder auf und sangen am 30.05.1915 in den „Kronensälen“ zugunsten Laupheimer Hilfsbedürftiger. Stargast war der gebürtige Laupheimer, an der Oper Nürnberg engagierte Bassbariton Franz Biehler. Die kriegsbedingt reduzierte Sängerschar von der „Concordia“ zog am 5.12.1915 mit einem Konzert zugunsten ihrer ausmarschierten Vereinsmitglieder im Hotel „Post“ nach. Die Besonderheit dabei: Erstmals seit langem wirkte die Stadtkapelle wieder in einem Konzert mit. Der katholische Kirchenchor gab am 30.01.1916 ein Kirchenkonzert zugunsten der Familien der Kriegsteilnehmer. Ob des großen Erfolges des Konzerts im Dezember 1915 führte die stark dezimierte „Concordia“ am 21. Mai 1916 erneut ein außerordentlich gut besuchtes Wohltätigkeitskonzert auf, diesmal im größeren Saal des Vereinshauses „zum Raben“. Erneut war die Stadtkapelle mit vier Stücken beteiligt, außerdem begleitete das Orchester den Choral „Dem Gedenken unserer Helden“. Anfang August stellte sich die Stadtkapelle unentgeltlich für einen traurigen Anlass zur Verfügung: In feierlicher Prozession wurde der erste im Laupheimer Lazarett gestorbene deutsche Soldat zum Bahnhof geleitet, von wo der Leichnam an seinen Heimatort verbracht wurde. Am Sonntag, den 12.11.1916 nahmen katholischer Kirchenchor, Gesangverein „Cäcilia“ und Stadtkapelle Laupheim die Tradition der vor dem Krieg so beliebten Cäcilien-Konzerte wieder auf, jetzt aber unter dem Titel eines Wohltätigkeitskonzertes zugunsten der Ausmarschierten der beteiligten Vereine. Keines der Konzertprogramme ist erhalten, es ist aber anzunehmen, dass die Stadtkapelle jeweils mit dem Streichorchester auftrat.

Es ist für uns nach so langer und schwerer Kriegszeit ein Bedürfnis, durch schöne und erquickende Weisen edler Musika unsere Nerven abzuspannen.

Stadtpfarrer Storz beim Wohltätigkeits-Cäcilien-Konzert in Laupheim am 12.11.1916


Durchhalten

Der Krieg wollte und wollte nicht enden und die Not nahm zu. In Bayern wurde der traditionelle Leichenschmaus verboten. Der Amtskörperschaft Laupheim gelang es, Ende 1915 einen Posten Siam-Reis zu erwerben, die Konditorei von Stadtkapellen-Dirigent Laub gehörte zu den auserkorenen Verkaufsstellen. Im August 1916 bejubelten die Laupheimer die Nachricht von der glücklichen Heimkehr des mit Lebensmitteln beladenen Handels-U-Bootes „Deutschland“ und vermissten dazu den sonst zu solchen Anlässen vom Kirchturm geblasenen Choral. Die Felder sollten nicht umgeackert werden, bis nicht die letzte liegengebliebene Ähre aus den Furchen gelesen war. Immerhin durfte ab Oktober 1916 wieder richtiges helles und dunkles Bier gebraut werden. Der Krieg schuf aber auch Arbeitsplätze. Die Appretur und Räderfabrik Steiger in Burgrieden expandierte ob der Rüstungsaufträge und suchte im Frühjahr 1916 150 neue Arbeiter. Da Männer kaum mehr verfügbar waren, wurden auch Frauen genommen. Bezahlt wurden die Kriegsausgaben u. a. mit der 4. Deutschen Kriegsanleihe, von der die selbst hoch verschuldete Stadt Laupheim 10000 Mark zeichnete – eine Riesensumme, die verloren sein sollte. Der Militärverein zeigte anfangs 1916 einen Lichtbildervortrag mit Kriegsbildern, dem u.a. 700 Jugendliche beiwohnten. Ein Pfarrer hielt beim katholischen Volksverein einen zweistündigen Vortrag zur Stärkung der Kleinmütig- und Opferwilligkeit über „unsere Siegesgarantie“. Ein ehemaliger Hofschauspieler gastierte am Ostermontag im „Raben“ mit einem Lichtbildervortrag über „Deutschlands Kriegsmacht“. Die Kriegsmacht aber forderte ihren Tribut: Immer ältere, jüngere und schwächere Laupheimer wurden zum Militär eingezogen. Auch die Stadtkapelle, rein mit Männern besetzt, schrumpfte weiter.

Die Nagelung der Lyra

Dirigent Franz Laub entschloss sich, eine ganz besondere Spendensammelaktion zugunsten seiner ausmarschierten Musiker und örtlicher Hilfseinrichtungen zu veranstalten: Die Nagelung einer Lyra. Er bat seinen Jugendfreund Ferdinand Reitze, Kunstlehrer in Rottenburg, einen Entwurf für eine Lyra-Skulptur zu gestalten. Die Laupheimer Werkzeugfabrik stellte das Holz dafür zur Verfügung, der 1. Trompeter der Stadtkapelle, Wilhelm Hofbaur, fertigte nach dem Entwurf die Holzarbeit, der Tambour und Malermeister Gustav Sommer besorgte die Bemalung. Buchbinder Nikolaus Stumpp, Ehrendirigent der Stadtkapelle, schuf in Handarbeit ein Buch, in das alle Spender der Aktion eingetragen werden sollten.

Laupheimer Verkündiger, Anzeige Nagelung einer Lyra, 18.06.1916
Laupheimer Verkündiger, 18.06.1916

Am Sonntag, 18. Juni 1916 war es soweit: Nachdem es den ganzen Vormittag geregnet hatte, drang nachmittags die Sonne durch. Die Stadtkapelle stellte sich um 16 Uhr auf dem Marktplatz auf und konzertierte mit hauptsächlich „patriotischen“ Stücken. Auf einem Tisch war die hölzerne Lyra aufgebaut. Die Spender konnten einen Nagel zum Preis von 20 Pfennig bis 5 Mark erwerben und diesen in die Lyra einschlagen, aus der dadurch eine eiserne Lyra wurde – das Eisen Symbol für die standhafte, unbeugsame deutsche Kriegsmacht und Nation, die Lyra dafür, dass die Musik hinter dieser stand. Der Andrang der Bevölkerung aus allen Schichten und Altersklassen war groß, die Aktion wurde zum vollen Erfolg und brachte 235 Mark ein. Am Sonntag, 30.07.1916 wiederholte die Stadtkapelle die Nagelung, diesmal auf dem Postplatz vor der „Germania“. Von dieser zweiten Nagelung existiert sogar eine Fotografie, auf der elf Stadtkapellenmusiker und Dirigent Franz Laub zu erkennen sind.

Örtliches Vorbild für die Aktion war eine „Nagelung des Schildes Davids“, die die israelitische Kirchengemeinde Laupheims im Januar 1916 im „Kronprinz“ zugunsten ausmarschierter jüdischer Bürger und deren Familien veranstaltet hatte. Im ganzen Deutschen Reich waren Nagelungen, hauptsächlich von Kriegssymbolen, ein häufiges Phänomen. Bekannt war vor allem die am 04.12.1915 begonnene Nagelung des „Eisernen Hindenburg“, einer 26 Tonnen schweren Holzfigur, in Berlin. Diese Aktion wurde beworben mit den Worten: „Der eiserne Hindenburg von Berlin. Nagelung täglich. Auch in der kalten Jahreszeit. Bei schönem Wetter Militärkonzert.“