Kriegszeiten - Die ersten Kriegsjahre

Wohltätigkeiten

Im November ging bei der Stadt eine sagenhafte Geldspende zur Beschaffung von Weihnachtsgeschenken für die Laupheimer Kriegspflichtigen ein. Karl Lämmle, aus Laupheim gebürtiger, amerikanischer Filmfabrikant, spendete 1000 Mark. Es sollte nicht seine letzte Gabe bleiben.

Die Laupheimer Vereine und Institutionen begannen ihren Kriegsschock zu überwinden. Zum probaten Mittel, den Ernst der Kriegszeit und Vergnügungen vereinbaren zu können, wurden Wohltätigkeitsveranstaltungen. Der Fußballverein Olympia trug ein Spiel gegen den SV Biberach aus, die Einnahmen gingen ans Rote Kreuz. Die Mädchen der Mittelschule boten in der „Germania“ eine Theateraufführung zugunsten desselben Zwecks an. Die Laupheimer Musiker trauten sich erstmals wieder auf Initiative der Stadt Laupheim auf die Bühne. Am 22. November 1914 vereinigten sich Laupheimer Musikvereinigungen zu einem außerordentlich gut besuchten Wohltätigkeitskonzert zugunsten Laupheimer Frontsoldaten und deren Familien im Vereinshaus „zum Raben“. Ob neben den drei örtlichen Gesangvereinen die Stadtkapelle mitgewirkt hatte, lässt sich nicht belegen.

Der katholische Volksverein traute sich, am 24.01.1915 wieder eine Feier in Form seines Familienabends abzuhalten. Auch hier musste der Krieg berücksichtigt werden, die Veranstaltung firmierte als „patriotischer Abend“. Vor vollbesetztem Vereinshaus wurden Lichtbilder vom Krieg und die „schauerlich-schöne“ Aufführung der Szene „Kampf mit Franktireurs“ gezeigt. Und die Stadtkapelle wurde endlich wieder einmal für einige Musikstücke engagiert und begleitete das Lied „Die Wacht am Rhein“.

Geschäftstätigkeiten

Sogar das örtliche Lichtspielhaus öffnete kurz vor Weihnachten wieder, nachdem der Inhaber krankheitshalber aus dem Kriegsdienst entlassen worden war. Neben „Kleopatra“ wurden Aufnahmen von den Kriegsschauplätzen gezeigt. Außer Bankiers und dem Kinobetreiber nutzten auch kleine Gewerbetreibende den Krieg als Geschäftsbringer. Viele Händler boten fertig gepackte „Liebesgaben“ zum Versand an die Frontkämpfer an, darunter auch der Dirigent der Stadtkapelle. Franz Laub, im Hauptberuf Inhaber eines Konditoreigeschäfts, schnürte für 2 Mark ein Paket mit Schokolade, Spirituosen, Zigarren, Lebkuchen und Hustenbonbons.

Einheitsbrot statt Kuchen

Die Versorgungsschwierigkeiten des Deutschen Reiches wirkten sich bald auch in Laupheim aus. Anfang Februar 1915 wurden Einschränkungen im Verkehr mit Mehl und Brot bekannt gemacht. Gebacken werden durfte nur noch ein Einheitsbrot, Kuchen nur noch in Ausnahmefällen. Kurz zuvor wurden bei Firmen Metalle beschlagnahmt, was für einige Beunruhigung sorgte. Dagegen wurde die Forderung, auf Butter zu verzichten, zurückgewiesen. Butter sei genügend da, und ein Kriegsbutterbrot allemal gesünder als Kuchen oder Wurstbrot. Ab März gab es Mehl und Brot nur noch gegen amtlich verteilte Lebensmittelkarten. Im „Raben“ wurde im Vortrag „Die Hausfrau im Krieg“ über die Kriegsernährung unterrichtet und die heizmaterialsparende „Kochkiste“ vorgeführt. Der Verkehr mit Kraftfahrzeugen wurde eingeschränkt.


Faschingsruhe

So nimmt es kein Wunder, dass das sonst ausschweifende Faschingsleben in Laupheim 1915 völlig zum Erliegen kam. Einige Veranstalter spendeten die geplanten Ausgaben ans Rote Kreuz. Dies betraf auch die Stadtkapelle, die sonst bei zahlreichen Bällen zur Stellung der Musik engagiert worden war und der damit wichtige Einnahmen entgingen.

Wohl kein Mensch der heute lebenden Generation kann und wird sich erinnern können, je einen so still verlaufenden und ruhigen Fasching und eine ebensolche Fastnacht verlebt zu haben, wie heuer.

Laupheimer Verkündiger, 18.2.1915

Stadtkapellenruhe

Der Krieg zwang die Stadtkapelle Laupheim weitgehend zum Verstummen. Feiern, Feste und Konzerte entfielen angesichts Not und Tod. Beim Geburtstag des Königs am 25. Februar wurde immerhin der morgendliche Festzug zu den Kirchen durchgeführt, die übliche Beteiligung der Stadtkapelle ist dabei nicht nachweisbar. Das gewohnte offizielle Festmahl mit Musik der Stadtkapelle wurde aus Rücksicht auf die Zeitumstände abgesagt. Was blieb, waren Auftritte zu kirchlichen Festen. Beim Fronleichnamsfest war es üblich, dass die Stadtkapelle am frühen Morgen den Ort mit der Tagwache weckte. 1915 sah man davon ab, dafür spielte die Stadtkapelle morgens 4:30 Uhr Choräle vom Kirchturm. Ob die Kapelle dann wie gewohnt die Prozession begleitete, ist nicht belegbar, ebenso wenig wie bei der einige Wochen zuvor unter riesiger Beteiligung stattgefundenen Himmelfahrtsprozession. Im November folgte ein weiteres Turmblasen aus besonderem Anlass. Der bisherige Vikar und Pfarrverweser Josef Storz war vom Bischof zum katholischen Stadtpfarrer Laupheims ernannt worden.

Stadtkapellenschwund

Erschwerend wirkte sich aus, dass die nur aus Männern zusammengesetzte Kapelle an Personalschwund litt – immer mehr Musiker wurden zum Kriegsdienst oder für kriegswichtige Arbeiten nach auswärts eingezogen. Auch Dirigent Franz Laub, schon über 40 Jahre alt, wurde bereits im Spätherbst 1914 rekrutiert, doch nur zum Garnisonsdienst, zu dem er sich wohl nur selten einfinden musste. Zumindest ließ sich Laub Anfang 1915 in den Bürgerausschuss der Stadt Laupheim wählen. Er korrespondierte im April 1915 per Feldpost mit seinem Dirigentenkollegen Josef Kranzegger, der 1912 die Musikkapelle Burgrieden gegründet hatte, über musikalische Fragen. Kranzegger lag zu dieser Zeit in Garnison in Ulm, Laub war zuhause in Laupheim. Dort kümmerte er sich um den Fortbestand seiner Stadtkapelle.

Es sind von der Kapelle 12 Mann abwesend u. zwar 7. beim Heer und 5. arbeiten in auswärtigen Fabriken. Selbst wenn alle wieder gesund zurückkehren sollten, sprechen doch jetzt schon Anzeichen dafür, daß ich meine Kapelle nicht mehr so zusammenbringe wie sie war u. ich muß mir unbedingt einen Nachwuchs suchen.

Franz Laub, 24.05.1915

Franz Laub zuhause, 24.05.1916
Franz Laub zuhause, 24.05.1916

Mit Datum 24. August 1915 richtete er einen Antrag an die Stadt Laupheim zum Kauf eines Instruments. In diesem erfahren wir, wie der Zustand der Stadtkapelle bereits im ersten Kriegsjahr war. „Trotz der ernsten Zeit, erachte ich es als meine Pflicht für den ferneren Bestand der „Stadtkapelle“ zu sorgen. Es sind von der Kapelle 12 Mann abwesend u. zwar 7. beim Heer und 5. arbeiten in auswärtigen Fabriken. Selbst wenn alle wieder gesund zurückkehren sollten, sprechen doch jetzt schon Anzeichen dafür, daß ich meine Kapelle nicht mehr so zusammenbringe wie sie war u. ich muß mir unbedingt einen Nachwuchs suchen. Ich habe nun Ausschau um Zöglinge gehalten u. dabei einen braven, musikalischen Jungen gefunden welcher jedoch nicht in der Lage ist sich ein Instrument anzuschaffen. Ich ersuche nun den Verehrl. Gemeinderat mir von den im Etat angesetzten M 50 circa M 20 – 25 zu bewilligen. Das Instrument soll Eigentum der Stadt bez. der Kapelle bleiben u. auch bei anderen unbemittelten Zöglingen als Lern-Instrument Verwendung finden. In Friedenszeit haben sich die jungen Leute bald ein eigenes Instrument verdient. Von einem ausmarschierten Musiker habe ich Gelegenheit ein vorzügliches Flügelhorn um circa M 20- 25 zu kaufen (u. ist mindestens das Doppelte wert) u. bitte daher mir den kleinen Betrag genehmigen zu wollen, damit ich mit dem Unterricht, welcher von mir unentgeldlich erteilt wird, sofort beginnen kann.“ Wir wissen nicht, wie der Besetzungsstand der Stadtkapelle vor Ausbruch des Weltkriegs war. Was wir wissen, ist, dass die Stadtkapelle bei ihrem legendären Gewinn des Königspokals 1913 mit 20 Mann angetreten war. Bereits im ersten Kriegsjahr war die Kapelle also um mehr als die Hälfte reduziert. Die Stadt Laupheim beschaffte das beantragte Flügelhorn. Das Instrument überstand die Kriegswirren allerdings nicht. Im Inventar der Stadt war 1931 vermerkt: „Während des Krieges abhanden gekommen“. Immerhin lässt Laubs Antrag darauf schließen, dass bis zu dieser Zeit kein Musiker gefallen war.