Kriegszeiten - Der Kriegsbeginn

Eine gute Woche lang ab dem 01.07.1914 beherrschte eine Bluttat die Titelblätter der Laupheimer Zeitungen: In Sarajevo waren am 28. Juni der österreichisch-ungarische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Gattin von serbischen Attentätern ermordet worden. Die Tragweite des Anschlags und seine Folgen wurden in Laupheim trotz aller Aufregung nicht erkannt. Die Badefrage war angesichts der nach nasskaltem erstem Halbjahr im Juli herrschenden Hitzewelle naheliegender: Die Rottum war zu dreckig, die Dürnach mit ihrem guten, weichen Wasser lag zu weit weg, woraus die Forderung entstand, den Zugang zum Dürnachbad zu erleichtern. Derweil debattierte der Gemeinderat der hochdefizitären Stadt Laupheim über einen Rathausneubau.

Gefestet wurde weiter. Die Stadtkapelle spielte bei der Distrikts-Pferdeprämierung in Laupheim am Dienstag, den 14.07. vormittags auf dem Festplatz und zum Festmahl im Garten der „Post“ auf. Auch beim Gartenkonzert des Gesangvereins „Concordia“ am 26. Juli im Schlossgarten wirkte sie mit. Man ließ sich Vergnügen und gute Laune trotz der nun erkannten ernsten Lage – man erwartete stündlich das Kriegsultimatum des mit dem Deutschen Reich verbündeten Österreich-Ungarn an Serbien – nicht verderben. Das Sportleben nahm einen Aufschwung. Mit Spannung und Freude blickte man auf die bevorstehenden ersten olympischen Spiele in Deutschland, die 1916 in Berlin stattfinden sollten.


Jammer über Jammer

In seiner Ausgabe vom 31.07.1914 war die halbe Titelseite des „Laupheimer Volksblatts“ einem besonderen Ereignis gewidmet. Unter der Schlagzeile „Ein kleines Gedenkblatt!“ erinnerte die Zeitung in einem fünfstrophigen Gedicht daran, dass Franz Laub zwei Jubiläen feiern konnte: 25-jähriges aktives Mitwirken und 10-jährige Dirigententätigkeit bei der Stadtkapelle Laupheim.

Huldigungsgedicht für Franz Laub, 31.07.1914
Huldigungsgedicht für Franz Laub, 31.07.1914

„Wo tiefer Ernst und Kriegsgefahr jetzt schwebt in deutschen Landen,
Da ist zur frohen Muse gar wenig Stoff vorhanden - ;
Doch darf den rechten Augenblick ich nicht verpassen,
Um da ein schlichtes Denkblatt zu verfassen.“

Laupheimer Volksblatt, 31.7.1914

An diesem 31.07.1914 handelte es sich bereits nicht mehr um eine schwebende Kriegsgefahr. Kaiser Wilhelm II. rief an diesem Tag für das Deutsche Reich den Kriegszustand aus. Alle Erwartungen in Laupheim, dass der österreichisch-ungarisch-serbische Krieg lokalisiert werden könnte, hatten sich zerschlagen. Am 1. August folgte die Mobilmachung, die in Laupheim per Sonderblätter bekannt gemacht wurde, und die Kriegserklärung an Russland. Zwar waren die einberufenen Laupheimer Männer voller Mut und Siegeszuversicht, doch von Kriegsbegeisterung und bejubelten Soldaten wie andernorts im Reich konnte keine Rede sein. „Jammer über Jammer … Die ganze Jungmannschaft beichtet und kommuniziert, um sofort auszumarschieren unter dem Wehklagen der ganzen Einwohnerschaft“, schreibt August Schenzinger am 2. August in sein Tagebuch. Der Schock saß tief. „Unsere Stadt scheint ausgestorben, so öd und leer erscheint alles. Nicht einmal der Wochenmarkt ist besucht!“, berichtet Schenzinger zwei Tage später. Die Dimension dieses Konfliktes wurde vom „Laupheimer Verkündiger“ rasch erkannt, am 9. August titelte das Blatt: „Der europäische Weltkrieg.“

Jammer über Jammer … Die ganze Jungmannschaft beichtet und kommuniziert, um sofort auszumarschieren unter dem Wehklagen der ganzen Einwohnerschaft.

August Schenzinger, Tagebuch, 2.8.1914

Victoria!?

Laupheimer Verkündiger, 02.08.1914
Laupheimer Verkündiger, 02.08.1914

Die Kriegsauswirkungen zeigten sich rasch in Laupheim. Bürger wurden zur Bewachung von Brücken und Eisenbahnanlagen verpflichtet, andere mussten in der Festung Ulm Armierungsarbeiten verrichten. Die Autobuslinie nach Illertissen wurde, kaum eröffnet, wiedereingestellt, die Fahrzeuge wurden für das Militär requiriert. Ängste und wilde Gerüchte, bspw. über wuchernde, lebensmittelhortende „Geldjuden“, kursierten. Feste und Vergnügungen wurden eingestellt, was besonders die Stadtkapelle traf. Bei der Einweihung der neuen Kleinkinderschule am 19.08.1914 wurde auf Musik verzichtet. Für das Rote Kreuz und örtliche Kriegsgeschädigte führte man Sammlungen durch. Päckchen mit „Liebesgaben“ gingen an die Frontsoldaten. Die katholische Kirche veranstaltete Bittprozessionen, jeden Abend fanden in beiden Kirchen gut besuchte Kriegsandachten statt.

Ende August wurden erste Siegesmeldungen in Laupheim verkündet. „Victoria! Ein Bravo den wackeren Deutschen Mannen!“, „Sieg über Sieg!“ frohlockte der „Laupheimer Verkündiger“ über den Feldzug in Frankreich. Am 24. August herrschte ob dieser Meldungen großer Jubel in Laupheim, Häuser wurden beflaggt und von allen Türmen erklang Victoria-Läuten. Die Stadtkapelle ließ vom Kirchturm St. Peter und Paul einen Dankchoral erschallen – der einzige, nachweisbare Auftritt der Kapelle 1914 nach Kriegsausbruch.

Die Siege waren teuer erkauft. Bald nach den Siegesmeldungen traf die Kunde von den ersten beiden Laupheimer Gefallenen ein, darunter Präzeptor Reger von der Real- und Lateinschule, der den Gesangverein „Cäcilia“ dirigiert hatte. Im Bezirkskrankenhaus, der Wanderarbeitsstätte und im Hopfenhaus wurden Lazarette eingerichtet, schon am 1. September trafen die ersten 43 deutschen Verwundeten ein, eine Woche später 62 weitere. Gerüchte gingen um, dass die amtlichen Stellen die Verlustlisten ob deren riesigen Ausmaße zurückhielten. Ab Mitte September wurden amtliche Verlustlisten dann täglich in der Zeitung veröffentlicht. Der Landsturm wurde bereits im September gemustert und der Turnverein bot Turnabende an, um die Felddiensttauglichen körperlich fit für den Kriegseinsatz zu machen. Bereits im Oktober folgte für viele von ihnen die Einberufung. Um die 16- bis 20-Jährigen für den Kriegsdienst vorzubereiten, wurde eine Jugendwehr eingerichtet. Zu diesem Zeitpunkt standen 474 Laupheimer im Militärdienst, im November bereits 520, etwa 10 % der Bevölkerung.

Der Weltkrieg verschlang Menschen und Geld. 1- und 2 Mark-Geldscheine wurden ausgegeben – die Silbermünzen im gleichen Nominalwert wurden für Rohstoff- und Lebensmittelkäufe im Ausland gebraucht. Die Laupheimer Bankiers priesen die 1. Deutsche Kriegsanleihe, fällig 1924, zur Zeichnung an.