Herrliche Zeiten - Die Stadtkapelle Laupheim am Vorabend des 1. Weltkriegs

Zu Großem sind wir noch bestimmt, und herrlichen Tagen führe ich Euch noch entgegen!

Wilhelm II., Deutscher Kaiser, 1892

Wilhelm II., Deutscher Kaiser, 1890, Gemälde v. Kohner
Wilhelm II., 1890

Herrliche Zeiten, dies hatte Kaiser Wilhelm II. seinem deutschen Volk 1892 in einer Rede versprochen. Tatsächlich war die Bilanz beim 25-jährigen Thronjubiläum des Kaisers 1913 positiv. Das Deutsche Reich hatte einen ungeheuren wirtschaftlichen Aufschwung genommen, in Technik, Wissenschaft und Kunst war es weltführend. Und seit über vierzig Jahren herrschte Frieden. Doch im Jahr 1914 endeten die herrlichen Zeiten und mündeten in eine blutige Katastrophe.

Laupheim wird immer mehr zu einer Feststadt.

August Schenzinger, Tagebuch, 1914

Eine kleine Stadt in einem abgelegenen Teil des großen Deutschen Reiches und eine kleine Gruppe dort widerspiegelte diese Entwicklung. Seit der erst 1869 erfolgten Ernennung zur Stadt hatte das im ländlichen Oberschwaben gelegene Laupheim eine rasante Entwicklung genommen. Handel, Gewerbe und das Ortsbild blühten ebenso auf wie das gesellschaftliche Leben. Anfang September 1913 eröffnete in der Mittelstraße sogar Laupheims erstes Kino. Kritisch notierte der über 80-jährige Ortschronist August Schenzinger am 13. Juli 1914, wenige Tage vor dem Ausbruch jenes Ereignisses, das dem Blühen und Feiern ein Ende setzte, in sein Tagebuch: „Laupheim wird immer mehr zu einer Feststadt.“ Musik gehörte zu all den vielen Festen, und die kam vor allem von einer Musikgruppe: Der Stadtkapelle Laupheim.

Festliche Zeiten in Laupheim

Stadtkapelle Laupheim 1909
Stadtkapelle Laupheim, 1909

In der Dekade von 1904 bis 1914 führte der neue, zielstrebige Dirigent Franz Laub die Kapelle in den Zenit ihres Könnens. Beweis und Krönung dieser Entwicklung war der Gewinn des Königspokals im Juli 1913 beim III. Oberschwäbischen Verbandsmusikfest in Friedrichshafen. Dass Laupheim in jenen Jahren eine festfreudige Stadt war, bezeugen die belegbaren Auftritte der Stadtkapelle im zweiten Halbjahr 1913 bis Mitte 1914. Am 27.07.1913 veranstaltete der Gesangverein „Concordia“ unter Mitwirkung der Stadtkapelle ein Gartenkonzert mit italienischer Nacht im Schlossgarten. Am Feiertag Mariä Himmelfahrt (15.08.) eröffnete der Verschönerungsverein den neu errichteten Park „Höhenanlage“ mit einem Konzert der Stadtkapelle. Die Gesellenvereine aus Laupheim, Biberach, Ochsenhausen und Ulm feierten den 100. Geburtstag von Adolf Kolping am 7. September in Laupheim musikalisch begleitet von Laubs Kapelle, die auch beim für den 21. September im „Harmoniegarten“ geplanten Gartenfest des Gesangvereins „Cäcilia“ aufspielte, das wegen schlechten Wetters in die Säle des Hotels „Post“ verlegt wurde. Gefeiert wurde am Sonntag, den 5. Oktober vom Turnverein Laupheim wie in jedem Jahr das „Abturnen“, d.h. das Einstellen des Turnbetriebs auf dem Freiluftturnplatz – die Stadtkapelle marschierte dem Turnerzug voran und spielte in der „Post“ bis weit nach Mitternacht zum Tanz auf. Die Hundertjahrfeier der Völkerschlacht bei Leipzig wurde in Laupheim mit Höhenfeuer, Schulfeier und Glockengeläut begangen. Am Samstag, den 18.10.1913 gab es aus diesem Anlass ein Festbankett im katholischen Vereinshaus „zum Raben“, bei dem alle drei Laupheimer Gesangvereine und die Stadtkapelle mit einem erlesenen Programm auftraten. Nach dem Hauptgottesdienst am folgenden Sonntag spielte die Kapelle vom Kirchturm Choräle. Selbst als Veranstalter trat das Orchester am Sonntag, den 16. November mit seinem II. Abonnements-Konzert auf. Schon am Sonntag darauf folgte mit dem Cäcilien-Konzert eine Traditionsveranstaltung, bei der der Gesangverein „Cäcilia“, der katholische Kirchenchor und die Stadtkapelle in den restlos ausverkauften Sälen der „Krone“ auftraten. Ebenfalls eine jährliche Tradition hatte die Champigny-Feier des Veteranenvereins im Gedenken an die siegreiche Schlacht vom 30.11.1870 im deutsch-französischen Krieg, die immer am folgenden Montag, hier dem 1.12.1913, mit einem frühmorgendlichen, von Marschmusik begleiteten Fahnenzug zum Gottesdienst und einem anschließenden Bankett mit Musik im „Lamm“ begangen wurde.

Das Jahr schloss für die Stadtkapelle mit der Christbaumfeier des Vereins „Charitas“ in der „Germania“, wo ihr Auftritt „Ohren und Herz elektrifizierte“.

Selbst Schnee und Eis boten Anlass zu einem Fest. Beim Eisfest des Laupheimer Eislaufvereins am 25.01.1914 wurden Berliner Pfannkuchen, warme Saitenwürstchen, Likör und Flaschenbier zur Petersburger Nacht mit bengalischer Beleuchtung und Feuerwerk gereicht. Dazu spielte die Stadtkapelle auf. Am 3. Februar folgte ein abendliches Eislaufvergnügen mit Beleuchtung und Musik. Und schon stand der Fasching an. Beim Ball des Turnvereins am 7. Februar wurde bis in den frühen Morgen zur Musik der Stadtkapelle getanzt. Der Männergesangverein „Concordia“ veranstaltete seinen Faschingsball am 21.02.1914 im Vereinshaus „zum Raben“. Die Stadtkapelle führte die Ballmusik „in meisterlicher Weise“ aus. Bei der maskierten Faschingsunterhaltung des Militärvereins Baustetten im dortigen „Rößle“ am darauffolgenden Sonntag hinterließen Gäste aus der Nachbarstadt den größten Eindruck. Ein Komiker, eine Bärentreibergesellschaft mit Kamel, Bär und Affe sowie das Streichquartett der Stadtkapelle sorgten für gute Laune. Einziges Manko: Die vier exzellenten Musiker kamen gegen das Faschingsgetöse im vollen Saal akustisch kaum an. Wie gewohnt wurde in Laupheim am 25. Februar der Geburtstag von Württembergs König Wilhelm II. mit frühmorgendlicher Tagwache durch die Stadtkapelle, Festzug mit Marschmusik zu den Kirchen und Festbankett mit Musik in der „Post“ gefeiert. Für die Stadtkapelle Laupheim begann Ende April die Saison der Freiluftkonzerte. Als Ersatz für das ursprünglich am 26. April vorgesehene und wegen anderer Verpflichtungen abgesagte Abonnementkonzert führte die Stadtkapelle zwei Promenadekonzerte mit komplett unterschiedlichem Programm auf, am 26.04. auf dem Marktplatz, am 03.05. auf dem Postplatz. Am Feiertag Christi Himmelfahrt gab die Kapelle ein Konzert im Kronenkeller, dem an Fronleichnam ein Konzert im Vereinshausgarten folgte. Sonntag, den 28. Juni veranstaltete die Stadtkapelle ein Waldkonzert im Baustetter Gemeindewald und spielte am folgenden Tag, dem Feiertag Sankt Peter und Paul, ein Konzert im Schwanengarten.

Postplatz in Laupheim, 1908
Postplatz in Laupheim, 1908. Hier gab die Stadtkapelle Laupheim am 03.05.1914 ein Promenadekonzert.

Fortschrittliche Zeiten in Laupheim

Das Lichtspielhaus brachte ein dreiaktiges Seedrama auf die Leinwand: „Der Untergang der Titanic“. Das Biberacher Autohaus Kundrath bewarb seine Benz-, Opel- und Wanderer-Automobile und trat dabei in Konkurrenz mit dem Ulmer Anbieter Schweizer und seinen Adler-Fahrzeugen. Autos wurden in Laupheim gekauft und gefahren. Nicht jedem zur Freud: Am 20.05. kam es mitten in Laupheim zu einem Autozusammenstoß, und die Umweltverschmutzung durch die Kraftwagen wurde beklagt – die schnellen Gefährte wirbelten auf den ungeteerten Straßen bei Trockenheit zu viel Staub auf, eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf Schritttempo wurde gefordert. Am 01.06.1914 wurde die Autobus-Linie von Laupheim über Baustetten und Mietingen nach Illertissen eröffnet. Auf der Südbahn bei Laupheim wurden Testfahrten von Zügen mit der unvorstellbaren Geschwindigkeit von 100 Stundenkilometern durchgeführt.

Friedliche Zeiten in Laupheim

Der Jungdeutschlandbund beklagte die geringe Beteiligung der männlichen Laupheimer Jugend bei seinen Veranstaltungen, die vor allem eine vormilitärische Ausbildung darstellten. Das Lichtspielhaus zeigte den Film „Krieg dem Kriege“. Das Militärische aber war allgegenwärtig und stand in hohem Ansehen. Veteranen-, Pionier- und Militärverein versammelten nicht nur ehemalige Soldaten. Die Maschinengewehrkompanie des Infanterieregiments 124 aus Weingarten bezog im Mai 1914 eine Nacht Quartier in Laupheim, bevor sie mit einem Zug aus 50 Wagen nach Ulm transportiert wurde. Die Laupheimer Artillerievereinigung erhielt am 5. Juli Besuch ihrer Kollegen aus Ulm, die gleich die ganze Regimentskapelle des FeldArtReg 49 mitbrachte. Für die bevorstehende Eröffnung der neu gebauten Kleinkinderschule, Laupheims erstem öffentlichen Kindergarten, wurden Spielzeugspenden gesucht – für die Jungs gerne Säbel und Gewehre.