Die Uniformierung der Stadtkapelle Laupheim

Un-uniformiert: Die frühen Jahre der Stadtkapelle

Stadtkapelle Laupheim 1889
Ältestes Gruppenbild der Stadtkapelle Laupheim, 1889. Aufgetreten wurde im persönlichen Sonntags-Anzug.

Die Auftrittskleidung der Stadtkapelle Laupheim der frühen Jahre, also des letzten Drittels des 19. bis gut zur ersten Dekade des 20. Jahrhunderts, war der Straßenanzug. Für die größtenteils aus Arbeiter- und Handwerkerkreisen stammenden Musiker war es ihr "Sonntags-Häs". Dies zeigen die ersten Photographien der Stadtkapelle aus den Jahren 1887, 1889, 1908 und 1909. Ob für die Vorgängerkapellen, von deren Existenz man mindestens seit Anfang des 19. Jahrhunderts ausgehen kann, das "Sonntags-Häs" die Laupheimer Tracht war, kann nicht belegt werden.

Von einem Auftritt der Stadtkapelle in Uniform wird aus dem Jahr 1903 berichtet. Der Anlaß war ein Fest der ehemaligen Pioniere Laupheims, dem nachmaligen Pionierverein, dessen treibende Kraft der spätere Stadtkapellendirigent Franz Laub war, der beim Musikzug des Pionierbataillons 13 in Ulm gedient hatte. Laub dirigierte diesen Auftritt statt des etatmäßigen Dirigenten Nikolaus Stumpp. Die bei diesem Auftritt getragenen Uniformen waren die Militäruniformen der Musiker, die gedient hatten. Ein Augenzeuge konnte "allenthalben die Wahrnehmung machen, daß bei manchem Musiker der Rock sich nicht mehr an die Korpulenz der ehemaligen Soldaten anschmiegen wollte."

Auch bei der "Bronner Mobilmachung", einem sensationellen Karnevalsumzug in Laupheim im Februar 1911, trat die Stadtkapelle "im blauen Rock" auf. Der Karnevalsumzug persiflierte eine versehentliche militärische Mobilmachung, zahlreiche Akteure traten in Militäruniformen auf, die größtenteils ausgeliehen waren. Anzunehmen ist, daß die Stadtkapelle eine Militärkapelle darstellte und sich zu diesem Zweck Militäruniformen besorgt hatte. Die Farbe des Uniformrocks des württembergischen Militärs war dunkelblau.

Die erste Uniform der Stadtkapelle Laupheim

Dirigent Franz Laub, 1915
Franz Laub, Dirigent der Stadtkapelle, 1915 in der alten Uniform.

Wann, weshalb und wie der Entschluß bei der Stadtkapelle Laupheim zustande kam, eine Einheitskleidung zu beschaffen, ist nicht bekannt. Bekannt ist dagegen, wann die Kapelle zum ersten Mal mit ihrer neuen Musikeruniform auftrat: Es war Donnerstag, der 16. Mai 1912. An diesem Feiertag Christi Himmelfahrt veranstaltete die Stadtkapelle im Saal des Gasthauses "zur Krone" ihr II. Abonnementkonzert des Jahres 1912.

Wie sah sie aus, die erste Uniform der Stadtkapelle?

Kein einziges Uniformteil ist erhalten geblieben. Nur sehr wenige Fotografien existieren. Das aussagekräftigste ist nachstehend zu betrachten. Vorbild für die Blaskapellen waren die damals zahlreichen Militärkapellen. Dieses Vorbild färbte bis in die Uniformierungen ab. So bestand die erste Uniform der Stadtkapelle aus einem für Militäruniformen vor dem ersten Weltkrieg typischen geradegeschnittenen, hochgeschlossenen Rock mit liegendem Kragen ohne Revers, mit Schulterklappen und Kragenspiegeln. Der Rock hatte zwei durch Klappen gedeckte Seitentaschen. Die Knöpfe der einreihigen Knopfleiste waren im geschlossenen Zustand verdeckt. Die Uniformjacke des Dirigenten hatte einen doppelten, breiten Ärmelstreifen. Eine spätere Dirigentenuniform hatte einen stehenden Kragen und sogenannte Schwalbennester am Ärmelansatz (ein Kennzeichen deutscher Militärmusiker). Unter dem Rock wurde ein hochgeschlossenes, weißes Hemd getragen, dessen Kragenrand leicht über denjenigen des Rockes herausragte. Zur Uniform gehörte eine Schirmmütze. Im Gegensatz zur heute von der Stadtkapelle getragenen Mütze war der Deckel breiter als der Rand, den ein Riemen in der vorderen Hälfte umschloss. Eine Kokarde, beim Dirigenten größer als bei den Musikern, war an der Stirnseite nicht am Rand, sondern am Deckel angebracht.

Ein wichtiges Merkmal können wir anhand der Schwarzweiß-Fotografien nicht mehr bestimmen: Die Farbe(n) der Uniform. Eine Protokollnotiz zur Beschaffung der zweiten Uniform deutet darauf hin, daß der Uniformrock und die Mütze blau waren, sogar etwas heller als die neue Uniform. Ob die Schulterklappen und Kragenspiegel weiß, silber- oder goldfarben waren, läßt sich nicht bestimmen. Die Hosen dürften schwarz oder dunkelgrau gewesen sein, wobei davon ausgegangen werden kann, daß diese individuell von jedem Musiker beschafft wurden und farblich voneinander abwichen.

Höchstwahrscheinlich waren die Uniformen im persönlichen Eigentum der Musiker. Jedenfalls waren im Übergabeinventar der Stadtkapelle an den Musikverein 1929 keine Uniformteile enthalten.

Stadtkapelle Laupheim, Gruppenbild in alter Uniform
Stadtkapelle Laupheim, ca. 1914-1920. Einzig erhaltenes Gruppenbild in alter Uniform.

Die zweite Uniform der Stadtkapelle Laupheim

1928 wurde als Träger der Stadtkapelle der Musikverein Stadtkapelle Laupheim gegründet. Durch die Beiträge von passiven Mitgliedern konnte das Wirken der Kapelle finanziell auf ein tragbares Fundament gestellt und dem Erodieren der Einnahmen aus Musikgeschäften entgegengewirkt werden. Bis dato hatten die Musiker die Gagen aus ihren zahlreichen kommerziellen Auftritten direkt ausbezahlt bekommen und konnten damit die von ihnen persönlich zu stellenden Uniformen und Instrumente bezahlen.

Stadtkapelle beim Bezirksmusikfest in Laupheim 1929
Stadtkapelle erstmals in neuer Uniform beim Bezirksmusikfest in Laupheim 1929

Musikdirektor Franz Laub nutzte die finanziellen Ressourcen des Musikvereins sofort für einen Coup: Schon bei der dritten regulären Ausschußsitzung des neuen Vereins schlug er vor, ohne das Thema vorab explizit auf die Tagesordnung gesetzt zu haben, für die Stadtkapelle eine neue Uniform zu beschaffen, natürlich auf Kosten des Vereins. Die Zielrichtung war klar: Anläßlich des 25-jährigen Jubiläums Franz Laubs als Dirigent der Stadtkapelle Laupheim sollte in Laupheim Ende Juli 1929 das 4. Bezirksmusikfest des Oberschwäbischen Musikerverbandes durchgeführt werden. Dort sollte die Stadtkapelle in neuer Einheitskleidung glänzen. Bei der Sitzung entstand eine lebhafte Debatte, die damit endete, daß die beiden Ausschußmitglieder Kassier Paul Bierer, Inhaber eines Hutgeschäftes, und Anton Graf, selbständiger Schneidermeister, Muster und Angebote für eine neue Uniform einholen sollten.

Dies wurde sofort in die Tat umgesetzt. Keine drei Wochen später wurde die nächste Ausschußsitzung an einem Sonntagvormittag, ausnahmsweise im Probelokal der Stadtkapelle, abgehalten. Der Uniformhersteller K. Negele aus Tübingen stellte Musteruniformen in grüner, blauer und schwarzer Farbe vor. Nach längerem Anprobieren und Diskutieren wurde entschieden:

Es sollen angeschafft und erstmals am Musikfest getragen werden: Blaue Röcke, blaue kleine Mützen (etwas dunkler als bisher) und weiße Hosen. Röcke mit offenen Schalkragen 2 reihigen rotgoldenen Knöpfen, große Innentasche für Noten. Ausrüstung durchweg goldene Achselstücke 2 1/2 cm breit, für Dirigent 3 1/2 cm breit, kein Schwellenmuster, am linken Ärmel gestickte Stadtwappen für Musiker ohne Kranz, für Dirigent mit Kranz. Ärmellitzen für Musiker einfach, für Dirigent doppelt, Rock des Dirigenten etwas länger. Mützen schmale hohe Form mit Kokarden in Stadtfarbe mit Kranz, Stirnband und Lyra. Mütze des Dirigenten etwas höher, breiteres Stirnband und höhere Lyra.

Röcke und Mützen sollten mit eingenähten Nummern versehen werden.

Warum ausgerechnet diese Uniform gefiel, ist nicht überliefert. Wie die vorherige Uniform orientierte sich die neue an militärischen Vorbildern, wurde aber durch den offenen Kragen ziviler Sakko-Mode angenähert. Zur Uniform wurde, ganz sinfonieorchester-like, eine (privat zu beschaffende) Fliege getragen. Das Erscheinungsbild gefiel einfach zu jener Zeit, einige andere Kapellen hatten ähnliche Uniformen, andere folgten dem Vorbild der Stadtkapelle und beschafften sich fast exakt dieselbe Uniform (bspw. die Musikkapelle aus dem benachbarten Untersulmetingen). Trachten oder an Trachten angenäherte Einheitskleidung kamen für die Musikkapellen Württembergs in jener Zeit überhaupt nicht in Frage, Maßstab waren die Militärmusiken, deren Erbe die zivilen Blaskapellen antraten.

Stadtkapelle Laupheim bei Marschmusik, Kinderfest 1936
Stadtkapelle Laupheim bei Marschmusik, Kinderfest 1936. Der Dirigent trägt bereits den gekürzten Rock.

Die Entscheidung des Vereinsausschusses wurde der ersten regulären Generalversammlung des Musikvereins am 15.04.1929 zum Beschluß vorgetragen. Hier wurde länger darüber debattiert, die Anschaffung aber bei immerhin drei Gegenstimmen genehmigt.

Schon eine Woche später wurden im Vereinsausschuß die Angebote gesichtet. Schneidermeister Graf, aktives Mitglied, erhielt den Auftrag zur Lieferung der Röcke und Hosen (von Fa. Negele), Kassier Kaufmann Paul Bierer den Auftrag zur Lieferung der Mützen (von Negele). Bestellt wurden 25 Uniformen, einschließlich der Dirigentenuniform. Der Liefertermin wurde für Anfang Juli avisiert, die Zahlungsfrist auf Mitte August festgesetzt, sodaß die Investition aus den Erträgen des Bezirksmusikfestes bezahlt werden konnte.

Die Zusagen wurden eingehalten, und so trat die Stadtkapelle Laupheim beim Bezirksmusikfest in Laupheim vom 27.-29.07.1929 erstmals in der neuen Uniform auf (siehe das Foto in der linken Spalte). Der Ertrag des erfolgreichen Musikfestes reichte tatsächlich gut zur Begleichung der beiden Rechnungen in Höhe von 1.593,50 Reichsmark (Graf) und 146,25 RM (Bierer) aus.

Die Qualität der an den Ärmeln der Uniformröcke angebrachten Stadtwappen mußte schon kurz nach der Anschaffung bemängelt werden und der Hersteller zur kostenlosen Instandsetzung aufgefordert werden. 1932 mußten die Uniformröcke komplett neu aufgebügelt werden.

Anpassungen

Die 1929 angeschaffte Uniform der Stadtkapelle Laupheim hat im wesentlichen bis heute Bestand. Die Stadtkapelle Laupheim ist damit eine der wenigen Kapellen, die eine über 80 Jahre bestehende Traditionsuniform aufweisen kann.

Anpassungen an die Zeitgeschmäcker mußte die Uniform trotzdem über sich ergehen lassen. Die weiße Hose wurde früher nur bei Marschmusikauftritten angelegt. Bei Konzerten und sonstigen Auftritten trugen die Musiker selbst zu stellende schwarze Hosen. Diese Handhabung wurde in den 1990er Jahren aufgegeben, seitdem wird die weiße Hose auch bei Konzertmusik getragen. Woher die traditionelle "Hosenregel" kommt, daß bei der Himmelfahrts-Prozession die schwarze, bei der Fronleichnams-Prozession aber die weiße Hose getragen wird, ist nicht bekannt.

Während der NS-Zeit wurde die Stadtkapelle Laupheim sehr häufig zu Veranstaltungen der NSDAP herangezogen. Hakenkreuzarmbinden verschandelten dabei öfters die blaue Uniform.

Dirigent Hans Ruf, 1998
Dirigent Hans Ruf, 1998. In den 1980er Jahren erhielt die Dirigenten-Uniform ein immer üppiger werdendes Schultergehänge.

Die in der Urform der 1929er-Uniform deutlichere Abgrenzung der Dirigentenuniform von der Musikeruniform wurde schon von Musikdirektor Franz Laub Mitte/Ende der 1930er Jahre aufgegeben. Der längere Gehrock wich einem Rock in Normallänge, nur die doppelte Ärmellitze blieb dem Dirigenten vorbehalten. Auch die abweichende Gestaltung der Mütze des Dirigenten wurde aufgegeben. In den 1980er Jahren erhielt der Uniformrock des Dirigenten und des Tambourmajors des Spielmannszugs ein Schultergehänge, das immer üppigere Formen annahm. Bei großen Marschmusikauftritten trägt der Dirigent weiße Stoffhandschuhe, der Tambourmajor weiße Stulpenhandschuhe. Der renommierte Dirigent und Komponist Paul Kühmstedt, der in einer Notsituation 1976/77 die Stadtkapelle Laupheim übernommen hatte, bestritt viele Auftritte ohne Uniform.

Stadtkapelle beim Musikfest in Ehingen, 1949
Stadtkapelle beim Musikfest in Ehingen, 1949. Nach dem 2. Weltkrieg wurde kaum mehr in weißen Hosen aufgetreten.

Nach dem 2. Weltkrieg wurde das Tragen der weißen Hose zeitweise ganz eingestellt. Die Wiederbeschaffung der weißen Hose dürfte mit einer weiteren größeren Änderung in der Uniformierung zusammengefallen sein. Aus dem Jahr 1955 eine der raren Fotografien, die die Stadtkapelle nach dem 2. Weltkrieg wieder in weißen Hosen zeigt (s. Foto unten). Sie stammt vom Kreismusikfest in Schwendi, wo die Stadtkapelle Laupheim Patenkapelle war. Zu diesem Anlaß wollte man sich wohl in erneuerter Pracht zeigen. Einige Gönner hatten die Anschaffung neuer weißer Hosen ermöglicht. Dieses Foto ist gleichzeitig das erste, das die Stadtkapelle in Krawatten statt der bisher zur Uniform getragenen Fliegen abbildet. Ein formeller Beschluß über diese Änderung der Uniformierung kann nicht nachgewiesen werden.

Stadtkapelle beim Musikfest in Schwendi, 1955
Stadtkapelle beim Musikfest in Schwendi, 1955. Erstes Bild-Dokument mit Krawatten statt Fliegen.

Für Unterhaltungsmusikauftritte wurde später eine ärmellose Weste beschafft. Diese war anfangs als Wendeweste ausgeführt. Trug die Kapelle schwarze Hosen, wurde die weinrote Seite nach außen getragen, trug sie weiße Hosen, die blaue. Heute ist nur noch eine rote Weste in Gebrauch.

In den 1960er Jahren wurden die ersten Damen als aktive Musiker in die Stadtkapelle aufgenommen. Diese trugen anfangs einen schwarzen Rock zur Uniformjacke.

Bei einer Weihnachtsfeier der Musiker im Jahr 1967 wurde über Änderungswünsche der Uniformierung diskutiert. Die Musiker erklärten, keine andere Uniform haben zu wollen. Allerdings sollte die vorhandene modernisiert werden. Der Stoff sollte leichter, der Schnitt moderner werden. Dies gab den Anstoß dazu, den Uniformrock zwei- statt dreiknöpfig auszugestalten.

Jugendkapelle der Stadtkapelle Laupheim, 1973
Jugendkapelle der Stadtkapelle Laupheim in ihrer Uniform, Kinderfest 1973

Außerdem wurde die Beschaffung einer Uniform für die Jugendkapelle beschlossen. Diese sollte ein mittelblaues Sakko in Blazerform mit aufgesteckten Taschen bekommen. Dazu wurde eine hell- bis mittelgraue Hose und ein offenes, weißes Sporthemd getragen. 1973 wurde dazu eine weinrote Krawatte beschafft.

1977 sprach sich der Vereinsausschuß dafür aus, die bestehende Uniform für die Marschmusik beizubehalten, für Konzertmusik aber eine Bekleidung mit Blazern zu suchen, was aber nicht weiterverfolgt wurde.

Stadtkapelle in unzulässiger "Weißwurst-Variante"
Stadtkapelle in unzulässiger "Weißwurst-Variante"

Die Uniform der Jugendkapelle wurde bereits Mitte der 1970er Jahre aufgegeben. Sie trägt heute schwarze Hosen, weiße Hemden und die rote Stadtkapellen-Weste. Die blaue Uniform der Stadtkapelle mit schwarzer und weißer Hose ist trotz aller an- oder unangemessener Änderungen, trotz gelegentlich zu beobachtender Verunzierung mit allerlei Buttons und Anstecker, weitgehend dieselbe wie 1929 geblieben. Seit 2003 hat sie sogar Satzungsrang. Paragraf 2 der Vereinssatzung von 2003 enthält in Absatz 3 ein Bekenntnis zur Traditions-Uniform:

Der Musikverein Stadtkapelle Laupheim e.V. bekennt sich zu seiner blau-weißen/schwarzen Traditionsuniform. Alle repräsentativen Auftritte und Veranstaltungen werden von Blasorchester, Spielmannszug und den vorhandenen Bläserensembles in dieser Uniform bestritten. Die aktiven Musikerinnen und Musiker, einschließlich der musikalischen Leiter und bei Auftritten erforderliche Aushilfen, sind verpflichtet diese Uniform zu tragen.