Horst Tietzel - die vertane Chance

Horst Tietzel war der erste Dirigent der Stadtkapelle Laupheim mit abgeschlossenem Musikstudium. Trotz seiner großen musikalischen Fähigkeiten sollte sich seine Einstellung als folgenreicher Fehlgriff erweisen.

Horst Tietzel kam 1929 als Sohn des früheren Militärkapellmeisters Oskar Tietzel zur Welt. Er absolvierte ein Musikstudium mit Abschlüssen als Dirigent und Pädagoge.

Stellenwechsel

Auffällig am Lebenslauf Tietzels - soweit dieser uns bekannt ist - waren sich zunehmend häufende Wechsel der Anstellungen. Anfang der 1960er Jahre war er mit einigem Erfolg Dirigent der Stadtkapelle Backnang. 1962 wurde der Musiker zum Bezirksdirigenten des Bezirks Bietigheim im Deutschen Volksmusikerbund gewählt, ein Amt, das er bis 1965 ausübte.

Horst Tietzel

1966 übernahm er die Leitung der Musikkapelle Fluorn (Kreis Schramberg), um noch im Herbst desselben Jahres zur Stadtkapelle Fellbach zu wechseln, wo er Blas- und Streichorchester dirigierte. Mit dem Blasorchester und der Jugendkapelle erzielte er beachtliche Erfolge. 1970 erfolgte die Trennung von der Stadtkapelle Fellbach unter Angabe privater Gründe. Eine Bewerbung im selben Jahr beim Musikverein Hausen a. d. Rot (bei Schwäbisch Hall) scheiterte. Für kurze Zeit übernahm er erfolgreich das städtische Jugendblasorchester Münnerstadt in Franken. Tietzel wechselte nach Herrenberg, wo er als Musiklehrer und Musikdirektor tätig war. Mutmaßlich wurde sein Vertrag dort vorzeitig aufgelöst, denn bei seiner Bewerbung in Laupheim im Frühjahr 1974 gab er an, daß er sofort antreten könne.

Große Aufgaben in Laupheim

Frühzeitig im Jahr 1973 hatte der seinerzeitige Dirigent der Stadtkapelle Laupheim, Karl Braiger, angekündigt, daß er das Dirigat mit Erreichen seines 60. Lebensjahres Ende Juni 1974 niederlegen werde. Im Spätherbst 1973 wurde die Stelle in der Volksmusikerzeitung ausgeschrieben.

Doch es sollte sich eine zusätzliche Perspektive eröffnen: Die Stadt Laupheim hatte eine Erhebung durchgeführt, um den Bedarf an einer Musikschule zu ermitteln. 120 potentielle Schüler zeigten Interesse. So beschloß die Stadt, eine städtische Musikschule aufzubauen. Diese Aufgabe und somit die Leitung der Schule sollte in Personalunion dem Leiter der Stadtkapelle zufallen. Für letztere eine große Chance, erfolgte doch bisher die Anwerbung von Musikernachwuchs und die Ausbildung durch den Verein selbst.

Mit einer städtischen Musikschule im Rücken, die vom eigenen Dirigenten geführt würde, ließe sich der Kreis potentieller Stadtkapellenmusiker vergrößern und die Ausbildungsqualität verbessern, außerdem könnten Kosten für Ausbilder reduziert werden.

Die Stadt Laupheim schrieb die Stelle - Musikschulleiter und Stadtkapellendirigent - ohne Ortsangabe chiffriert aus. Nur vier Bewerber wollten sich der Herausforderung stellen - drei davon wurden als zu alt für die Aufgabe befunden. Horst Tietzel als studierter Dirigent und Musikpädagoge erfüllte die Anforderungen ideal. Bei den Bewerbungsgesprächen hinterließ er einen äußerst kompetenten Eindruck und wurde schließlich zum Sommer 1974 von der Stadt Laupheim unter Vereinbarung einer einjährigen Probezeit angestellt.

Ehrgeiz und Erfolge

Große Ziele setzte sich Horst Tietzel für seine Zusammenarbeit mit der Stadtkapelle Laupheim.

Am 29.08.1974 stellte Horst Tietzel sich und seine Ziele im Ausschuß des Musikvereins Stadtkapelle Laupheim vor. In zwei Jahren trete die Stadtkapelle Laupheim - bisher in der Oberstufe - in der schwierigsten Stufe, der Höchststufe, zum Wertungsspiel an. Das verbleibende Jahr 1974 nutzte der Dirigent neben dem Aufbau der städtischen Musikschule zur Umsetzung seiner musikalischen Vorstellungen mit seinem neuen Orchester. Große Konzerte wurden noch nicht gegeben. Bei der Hauptversammlung des Musikvereins im Frühjahr 1975 kündigte Tietzel, der auch die Leitung der Jugendkapelle übernommen hatte, ein weiteres Ziel an: Im Juni solle eine Schallplattenaufnahme mit allen Klangkörpern des Vereins erfolgen. Die Stadtkapelle war nach Hereinnahme einiger Jugendlicher aus der Jugendkapelle 39 Mann stark.

Horst Tietzel dirigiert die Stadtkapelle Laupheim
Horst Tietzel dirigiert die Stadtkapelle Laupheim

Viel Gutes zu erwarten

Die Gründung der städtischen Musikschule wurde von der Bevölkerung sehr positiv aufgenommen. Mit über 200 Anmeldungen zum Start wurden die Erwartungen weit übertroffen, Tietzel war mit Unterricht und Aufbau der Musikschule gut beschäftigt.

Am 26.04.1975 dann setzte er mit seinem ersten großen Konzert mit der Stadtkapelle Laupheim ein Ausrufezeichen. Der Auftritt in der Aula des Gymnasiums, in den er auch den Spielmannszug integrierte, wurde zu einem grandiosen Erfolg für den neuen Dirigenten. Der Saal war im Gegensatz zu früheren Jahren voll, und der Vortrag erfüllte die Erwartungen des Publikums bei weitem. Die Stadtkapelle sei "auf dem Weg zum weiteren Aufstieg, sozusagen auf dem Sprung von der Ober- in die Kunststufe", urteilte der Zeitungskritiker. Dem neuen Dirigenten wurden Elogen zuteil:

Er machte als markante Musiker-Persönlichkeit einen großen Eindruck und überzeugte die Zuhörer, daß die Vorstandschaft zusammen mit der Stadtverwaltung in ihm einen Mann gefunden hat, von dem für das musikalische Leben Laupheims noch viel Gutes zu erwarten ist. Er erwies sich als Dirigent von hohen Graden, überlegen, umsichtig, dabei exakt und energisch in der Takt- und Zeichengebung. Es war eine Freude, zu erleben, mit welcher Begeisterung die Musiker ... bei der Sache waren. Horst Tietzel versteht es zweifellos, sie in intensiver zielsicherer Probenarbeit musikalisch zu unterweisen, ihren Ehrgeiz anszuspornen und bei der Wahl der Stücke auch ihrem Geschmack Rechnung zu tragen.

Schwäbische Zeitung Laupheim

Unrühmlicher Abgang

Der Eindruck des Konzertkritikers trog nicht: Die Musiker verspürten tatsächlich die musikalische Kompetenz und das Begeisterungsvermögen Tietzels. Ein weiterer Erfolg war die Reise im Mai 1975 nach Baden Baden mit Konzerten in der ausverkauften Kurhalle von Bad Herrenalb und im Kurgarten von Baden Baden. Die Stadtkapelle war mit Spielmannszug und den Fahnenschwingern des Heimatfestes angetreten. Die Kritik war angetan:

Musikdirektor Tietzel weiß mit knappen, präzisen Dirigierbewegungen den guten Zusammenklang zur erwünschten Leistung zu bringen.

Badische Neueste Nachrichten

Stadtkapelle Laupheim, Festzug mit Dirigent Tietzel

Die für Juni angekündigte Einspielung einer Schallplatte fand nicht statt. Die Stadtkapelle beteiligte sich im Laufe des Jahres noch an einigen Musikfesten und absolvierte mehrere kleinere Auftritte. Bei einer Spielerversammlung im Herbst wurde ein weiteres Glanzlicht für 1976 angekündigt: Eine Reise nach Finnland. Musikdirektor Tietzel bestand darauf, dort keine Unterhaltungs-, sondern nur Konzertmusik aufzuführen. Zur Finnlandreise sollte es aber nicht mehr kommen.

Im Dezember 1975 erschallte ein Paukenschlag: Die Stadt Laupheim entließ Musikdirektor Tietzel fristlos.

Tietzel hatte unter Alkoholeinfluß einen heftigen Verkehrsunfall verursacht, bei dem eine Frau und ein Kind schwer verletzt wurden. Erschwerend kam hinzu, daß er vom Unfallort zu flüchten versuchte. Als leitender städtischer Angestellter und Pädagoge war Tietzel, dessen Alkoholeskapaden zunehmend ruchbar geworden waren, nicht mehr tragbar.

Nach seiner Entlassung in Laupheim heuerte Tietzel als Dirigent der Stadtkapelle in der Nachbarstadt Dietenheim an, eine Station, die ähnlich schnell beendet war. Ein noch kürzeres Gastspiel beim Musikverein Emmingen ob Eck folgte, danach verlieren sich die Spuren von Horst Tietzel.

Folgen für die Stadtkapelle

Tietzel hatte in seiner kurzen Wirkungszeit in Laupheim einiges bewegt und die Stadtkapelle musikalisch voran gebracht. Der unrühmliche Abgang jedoch führte dazu, daß die Stadt Laupheim nicht mehr bereit war, den Posten des Musikschulleiters mit dem des Dirigenten der Stadtkapelle zu verbinden. Die große Chance für die Stadtkapelle, mit dieser Konstellation viele Synergieeffekte zu erzielen und die Stellung eines hochqualifizierten Dirigenten über städtische Mittel sicherzustellen, war dahin.