Nikolaus Stumpp - Ein Laupheimer am Pult der Stadtkapelle

Ein Laupheimer Original

Nikolaus Stumpp kam im Jahr 1862 in Laupheim zur Welt. Er entstammte einer Buchbinderfamilie, die inmitten der Stadt ihr Domizil hatte. Für die in Laupheim Ortskundigen: Das dreistöckige Haus der Stumpps stand am unteren Marktplatz zwischen dem ehemaligen Kaufhaus Einstein - heute Keller-Warth - und der Rats-Apotheke, also schräg gegenüber dem heutigen Rathaus am Beginn der Kapellenstraße. In diesem Haus betrieb Stumpp einen Schreibwarenladen und sein Buchbinder- und Tapeziergeschäft. Das Gebäude ist 1976 abgerissen worden.

Haus von Nikolaus Stumpp
Laupheim im Jahr 1910. Das Haus von Nikolaus Stumpp steht ganz links.
Nikolaus Stumpp, Porträt von A. Noelle
Nikolaus Stumpp. Porträtzeichnung von A. Noelle, 1923

Der große, hagere Mann mit dem imposanten Schnauzbart, den man Werktags nur in seiner grünen Buchbinderschürze und Schildkappe sah, wurde ob seiner Eigenwilligkeit und nicht zuletzt seiner Musikalität zu einer stadtbekannten Person, einem Laupheimer Original. Viele Anekdoten sind von Nikolaus Stumpp - Stumpps Niklos oder Stumppa Nikl - überliefert. Der Laupheimer Heimatdichter Karl Dilger, der Stumpp noch persönlich kannte, hat ihn eigens in einem Gedicht in Laupheimer Mundart portraitiert. Der Künstler A. Noelle fertigte eine Portraitzeichnung von ihm an.

Stumppscher Trauerfall

Eines Tages begab sich Stumpps Frau Katharina mit ihren beiden Buben auf Tageswallfahrt nach Niederkirch im Nachbarort Untersulmetingen. Stumpps Niklos war über sein Alleinsein so traurig, daß er sich unbedingt bei Gesellschaft im "Hasen" darüber hinwegtrösten mußte. An die Ladentür seines Geschäftes hängte er ein Schild:

Wegen Trauerfall geschlossen

Tagtäglich suchte er nach der Arbeit am späten Nachmittag den Stammtisch in seinem Stammlokal, dem Hasen, auf und diskutierte dort mit seinen Freunden das Orts- und Weltgeschehen. Oftmals vergaß er hier die Zeit und wurde von seiner Gattin, nach deren frühen Tod 1913 von seiner Haushälterin Julie, mit energischen Worten nach Hause komplimentiert. Nikolaus Stumpp hatte zwei Söhne, von denen einer 20-jährig im 1. Weltkrieg fiel. Stumpp selbst verstarb 1931 im Alter von 69 Jahren in Laupheim.

Ein begnadeter Musiker

Stumpps letztes Ständchen

Es war früher ein beliebter Brauch, umworbenen Mädchen ein nächtliches Ständchen darzubringen. Nikolaus Stumpp spielte oft mit und für seine Freunde bei solchen Gelegenheiten auf. Seine Karriere als Liebesständchen-Musikant gab er jedoch auf, als eine holde Maid statt ihr Entzücken mit Kußhänden oder Ähnlichem zu bekunden, die Bemühungen der Troubadoure mit einem Eimer Wasser aus dem Fenster quittierte.

Nikolaus erlernte die Musik im Privatunterricht. Bereits mit ca. 15 Jahren spielte er in der katholischen Kirchenmusik, in der er jahrzehntelang tätig war. Seine dreijährige Militärdienstzeit leistete er 1882-1885 im Musikkorps des Grenadier- Regiments Nr. 123 "König Karl" (5. Württembergisches) in Ulm ab, wo er seine Kenntnisse vervollkommnete. Er war ein ausgezeichneter Geiger, Trompeter und Posaunist. Er trat der Stadtkapelle bei und gründete mit einigen Freunden eine Tanzkapelle, die zu ihrer Zeit sehr begehrt war. Sein Violinspiel war temperament- und kraftvoll. Stumpp erteilte auch Instrumentalunterricht, wobei der leicht aufbrausende Lehrer oftmals einen Geigenbogen durch Gebrauch als Schlaginstrument zu Bruch gehen ließ. Ob dies bei seinem berühmtesten Schüler ebenso der Fall war, wissen wir nicht: Franz Laub erhielt von ihm einen Teil seiner musikalischen Grundausbildung.

Putsch der Musiker - Nikolaus Stumpp und die Stadtkapelle Laupheim

Wann genau Nikolaus Stumpp damit begonnen hatte, in der Stadtkapelle zu spielen, ist nicht bekannt. Vielleicht ist er einer jener jungen Männer, die der Ende 1881 / Anfang 1882 nach Laupheim gekommene Stadtmusikus und Stadtkapellendirigent Thaddäus Ruß für die Kapelle rekrutierte.

Dieser Thaddäus Ruß legte im Frühjahr 1888 sein Amt nieder - weil er Bedingungen, die seine Musiker aufgestellt hatten, nicht annehmen konnte:

Der gehorsamst Unterzeichnete bittet um Enthebung als Stadtmusikus, der beiliegenden Vertrag den die im Vertrag aufgeführten Musiker ohne Unterzeichneten besprochen und niedergeschrieben, nicht eingehen kann. Bittet zugleich: die vierteljährige Aversalbelohnung zur vollen Auszahlung genehmigen zu wollen, da an den neueren Musikalien die erst zweimal zur Aufführung gekommen (: Papstjubiläum u. Gebtst. Sr: M. d. Königs :) eine Restschuld von 23 M. 50 h. obwaltet und solche Bezahlung an gehors. Unterzeichneten zurück geht.

Hochachtungsvoll

Laupheim, 26. April 1888

Th. Ruß

Stadtmusikdirektor

Niklaus Stumpp, 1900
Nikolaus Stumpp, ca. 1900. Bild aus einer Anzeige des Gasthauses "zum Bären". Der Wirt warb für eine Veranstaltung, bei der mit Stumpp und Franz Laub die beiden berühmtesten Musiker der Stadt Laupheim auftraten.

Inwieweit Stumpp an diesem Vorgang beteiligt war, entzieht sich unserer Kenntnis. Fest steht, daß er - nach seiner Aussage auf Wunsch der Musiker - den Dirigentenposten bei der Stadtkapelle übernahm - er war gerademal 26 Jahre alt. Die Stadt lehnte im Juni 1888 sein Gesuch auf eine seinem Vorgänger entsprechende Bezahlung ab - Stumpp müsse zuerst nachweisen, daß die Stadtkapelle unter seiner Leitung überlebensfähig sei, außerdem habe "noch ein jeder 1 Zeitlang warten müssen". Den Nachweis, daß er die Kapelle erhalten kann, erbrachte er: 16 Jahre - in den Erinnerungen von Stadtkapellen- mitgliedern wird von 17 Jahren gesprochen - leitete Stumpp die Stadtkapelle Laupheim und war damit der bis dato am längsten amtierende Dirigent. Warten auf die verdiente pekuniäre Anerkennung durch die Stadt mußte er lange: Ein regelmäßige Belohnung wurde ihm erst ab 01.01.1892 bewilligt - in Höhe von 100 Mark im Jahr, die in den folgenden 12 Jahren seiner Wirkungszeit nicht mehr erhöht wurde.

Sowohl seinen Humor wie seine musikalische Klasse zeigte Nikolaus Stumpp im Juni 1899 bei den Festlichkeiten zur Bannerweihe des örtlichen Radfahr-Clubs, dessen Vorstand der Stadtrat Ferdinand Raff war. Raff war ein vehementer Kämpfer für eine Bahnlinie ins Rottal und somit eines innerstädtischen Bahnhofs für Laupheim. Nikolaus Stumpp erfüllte Raff seinen Wunsch auf musikalische Weise: Die Stadtkapelle führte ein von Stumpp komponiertes Stück auf, das die fiktive Eisenbahnfahrt von Laupheim nach Schwendi darstellte - mit ungeheurem Erfolg.

Der erste Spielmannszug

Im Mai des Jahres 1899 annoncierte Stumpp in den örtlichen Zeitungen: Junge Leute, die ein Instrument erlernen und später bei der Stadtkapelle mitspielen wollen, sollen sich bei ihm melden. Es war das erste Mal, daß über diesen Weg für Stadtkapellen-Musiker-Nachwuchs geworben wurde. Die Werbung war erfolgreich, kurze Zeit später trafen sich die Interessenten mit Stumpp frühmorgens im Schulhaus.

Stumpp aber hatte wohl Besonderes im Sinn: Beim landwirtschaftlichen Bezirksfest im September des Jahres 1900 marschierte der Stadtkapelle zur Überraschung der Öffentlichkeit ein Trommler- und Pfeiferkorps voran - der erste Spielmannszug der Stadtkapelle war geboren. Zur Begrüßung des neuen Jahres 1901 spielte die Stadtkapelle mit dem neuen Klangkörper um Mitternacht den "Großen Zapfenstreich." Wie lange dieses Trommler- und Pfeiferkorps Bestand hatte, ist derzeit nicht bekannt, vermutlich verselbständigte es sich wenige Jahre später als städtisches Tambourskorps.

Stadtkapelle Laupheim 1889
Stadtkapelle Laupheim 1889

Schüler folgt Lehrer - Stumpp übergibt den Taktstock

Im März 1904 trat Nikolaus Stumpp freiwillig vom Dirigentenposten zurück: Er hatte erkannt, daß mit seinem ehemaligen Schüler Franz Laub ein noch begnadeterer Musiker bereit war, die Geschicke der Stadtkapelle zu prägen.

Verpflichtungen - der "Arbeitsvertrag" des Stadtkapellendirigenten

Als Nikolaus Stumpp 1891 endlich für seine Dirigententätigkeit bei der Stadtkapelle eine Vergütung seitens der Stadt bewilligt wurde, wurden ihm folgende Verpflichtungen dafür auferlegt:

- Die Leistungen und Bestrebungen der hiesigen Musikkapelle zu befördern.

- Junge Kräfte heranzubilden.

- Unvermögenden unentgeltlich Unterricht zu erteilen.

- Das Vervielfältigen von Noten ohne besondere Abrechnung zu besorgen.

- Bei kirchlichen und bürgerlichen Festlichkeiten stets mitzuwirken.

Insbesondere die Klausel mit dem Vervielfältigen von Noten hatte es in sich: Dies erfolgte handschriftlich!

Nikolaus Stumpp reihte sich nach seinem Rücktritt als Dirigent nicht mehr als Musiker bei der Kapelle ein, blieb ihr aber verbunden. Beispielsweise betätigte er sich 1911 beim großen Verbandsmusikfest in Laupheim in der Quartierkommission und bekam die Ehre, noch einmal der Stadtkapelle voranzumarschieren, als diese mit Musik die Gastkapellen am Bahnhof abholte. Franz Laub, mit dem er auch später immer wieder in Streichmusik-Besetzungen zusammenspielte, komponierte zu seinen Ehren den "Nikolaus-Stumpp-Marsch". Die Stadtkapelle ernannte ihn für seine Verdienste schon kurz nach seinem Ausscheiden zum Ehrendirigenten.

Bei der Beerdigung seiner 1913 im Alter von 48 Jahren verstorbenen Frau gab die Stadtkapelle das Geleit. Beim Bezirksmusikfest in Laupheim 1929 war Stumpp zum Ehrengästeessen geladen.

Im Januar 1931 spielte ihm die Stadtkapelle ein Ständchen. Im selben Jahr starb Nikolaus Stumpp. Bei seiner Beerdigung am 19. Dezember begleitete die Stadtkapelle die Trauergemeinde mit Trauermärschen vom Stumppschen Haus bis zum Grab auf dem Friedhof, wo der Musikvereinsvorsitzende Karl Kekeisen einen Kranz niederlegte und eine Traueransprache hielt, in der der Verstorbene als Gründer der Kapelle bezeichnet wurde.

Notenhandschrift von Nikolaus Stumpp
Notenhandschrift von Nikolaus Stumpp. Parademarsch von Kühner, 1. Klarinette in B
Notenhandschrift von Nikolaus Stumpp
Notenhandschrift von Nikolaus Stumpp. Unbezeichneter Walzer. Man sieht: Es musste schnell gehen beim Schreiben.

Türkische Musik bei der Fronleichnamsprozession - Nikolaus Stumpp und der Schellenbaum

Schon bei Antritt seiner Dirigententätigkeit entwickelte sich eine besondere Beziehung Nikolaus Stumpps zum Schellenbaum - damals noch mit "Halbmond" und als effekterzielendes Musikinstrument eingesetzt. Zu dieser Zeit befanden sich die "exotischen" Instrumente wie große und kleine Trommel und eben jener Schellenbaum im Eigentum der Stadt. Der Dirigent der Kapelle wurde mit Unterschrift für die Unversehrtheit der Instrumente haftbar gemacht. So auch Thaddäus Ruß, Stumpps Vorgänger im Dirigentenamt. Folgerichtig - und sicher mit einem gewissen Trotz - ließ Ruß bei seinem Abgang die große Trommel und den Schellenbaum kommentarlos in die Wohnung Stumpps anliefern. Pflichtschuldigst rapportierte Stumpp dies auf dem Rathaus: Der Ruß habe ihm die Trommel und den Schellenbaum, an dem aber kein einziges Glöcklein mehr sei, übersandt - was er damit anfangen solle. Die Stadt gab ihm zur Auskunft, daß er die Trommel bei sich behalten solle - natürlich gegen haftende Unterschrift - und daß er den Schellenbaum auf dem Rathaus abzuliefern habe. Ruß wurde wegen des Zustands des Schellenbaums ins Verhör genommen, gab aber an, daß er den Schellenbaum nie eingesetzt habe und dieser immer im Schulhaus gestanden habe und dort ramponiert worden sei.

Im Frühjahr des folgenden Jahres 1889 erinnerte sich der erfolgsbedachte Stumpp an den Schellenbaum und an die früher bei der Fronleichnamsprozession mit großem Erfolg aufgetretene und unter Ruß eingestellte "Türkische Musik" - also Blasmusik mit Trommeln, Becken (damals Cinellen genannt) und eben dem Schellenbaum - Instrumenten, die über die türkische Militärmusik nach Westeuropa kamen. Und so richtete er folgenden Antrag an die Stadt, das Gerät doch wieder herstellen zu lassen:

Ergebenste Bitte des Musikdirigenten Stumpp um gütigste Wiederherstellung des Schellenbaums |: Halbmond :|

[...] Genannter Schellenbaum sollte in Bälde hergestellt werden, da wie in früheren Jahren es geschehen ist, so möchte ergebenst Unterzeichnete auch dieses Jahr mit seiner Kapelle bei der Fronleichnamsprozession "türkische Musik" aufführen.

Da die Kosten sich nicht gerade hoch belaufen werden u. eine türkische Musik bei der Fronleichnamsprozession wie immer mit großem Beifall aufgenommen wird, so glaubt ergebenst Unterzeichneter der Gewährung seiner Bitte vertrauend entgegensehen zu dürfen und zeichnet als

Eines Wohllöbl. Gemeinderats

ergebenster

Nikolaus Stumpp

Laupheim, 30. April 1889

Der Effekt der "Türkischen Musik" bei der katholischen Prozession - zu jener Zeit ein gesellschaftliches, hochfestliches Großereignis - war tatsächlich stadtberühmt: Das Gesuch wurde genehmigt, mit der Auflage, daß der Schellenbaum "nach jeder Benutzung gut gereinigt zur Aufbewahrung in das Rathaus zurückzugeben ist".

Unterschrift von Nikolaus Stumpp
Unterschrift von Nikolaus Stumpp

Schon kurze Zeit später besann sich die Stadt eines anderen: Weil auf dem Rathaus kein Platz vorhanden sei, wird der Schellenbaum dem Stumpp übergeben - natürlich gegen verpflichtende Unterschrift. Stumpp hatte seinen Schellenbaum!

Was mit dem alten, "türkischen" Schellenbaum geschah, der den islamischen Halbmond in eine christliche Prozession brachte, wissen wir nicht. Stumpps Nachfolger Franz Laub hat ihn wohl nicht mehr verwendet, doch die Aufbewahrungspflicht wurde erfüllt: Im Übergabeinventar der Stadtkapelle war er noch 1929 verzeichnet.