Josef Sontheimer - Erfinder der "Stadtkapelle Laupheim"

Ihm verdankt die Stadtkapelle Laupheim ihren Namen: Josef Sontheimer. Trotz diesen Verdienstes erinnert kaum mehr etwas an den Musiker.

Josef Sontheimer kam am 2. Februar 1834 in Augsburg als Sohn des Musiklehrers Johann Nepomuk Sontheimer zur Welt. Anzunehmen ist, daß er von seinem Vater seine musikalischen Kenntnisse erhielt. Josef Sontheimer spielte Violine und Klavier. Ob er Blasinstrumente beherrschte, ist nicht bekannt, aber unwahrscheinlich.

In Laupheim

Es ist nicht bekannt, wo Josef Sontheimer vor seiner Laupheimer Zeit tätig war. Der Beginn seines Wirkens in Laupheim kann nicht exakt bestimmt werden. Vermutlich kam Sontheimer im ersten Quartal des Jahres 1876 nach Laupheim. Jedenfalls inserierte er am 15. März 1876 in der örtlichen Zeitung. Er bot Musikunterricht in Violine, Klavier und Gesang an. Einquartiert hatte er sich im Gasthaus zum "Kreuz".

Das "Kreuz" lag wenige Schritte gegenüber dem Gasthaus "zum Kronprinz" (heute "Alexis Sorbas"). Im "Kronprinz" trat Sontheimer am 12. November 1876 als Veranstalter eines "Vocal- und Instrumental-Concerts" in Erscheinung. Er selbst spielte dabei das 9. Violin-Konzert von Charles Auguste de Bériot. Aus dem Jahr 1878 ist ein weiteres Konzert Sontheimers im Kronprinzen belegt, ebenso eines im Jahr 1880, bei dem der jüdische Gesangverein "Frohsinn" mitwirkte. Dies alles legt einen Schluß nahe: Josef Sontheimer war von der jüdischen Gemeinde nach Laupheim beordert worden. Deren weltlich-kulturelles Zentrum bildete der "Kronprinz". Seit dem Wegzug des herausragenden Musikers Moritz Henle 1873 bestand wohl eine Lücke im Musikunterricht in Violine und Klavier für jüdische Kinder. Auch in späteren Jahren wirkten im Umfeld der jüdischen Gemeinde hevorragende christliche Musiker als Musiklehrer (der Komponist Reinhold Später, Konzertmeister Georg Pfeifer). Ob Sontheimer gleichzeitig den Gesangverein "Frohsinn" leitete, ist unbekannt, aber wahrscheinlich.


Berühmtheit in der Provinz

Im Juni 1877 trat Josef Sontheimer - er bezeichnete sich als "Musikdirektor", was für die Leitung des Chores "Frohsinn" spricht - als Klavierbegleiter der Violin-Virtuosin Sophie Humler bei deren Gastspielen im "Postsaal" in Laupheim und im "Hirsch" in Schwendi auf. Sophie Humler war 1842 in Saulgau geboren und ein "Wunderkind". Mit 7 Jahren erlernte sie von ihrem Vater das Geigenspiel und erwies sich als so begabt, daß sie bereits als Kind am Münchner Konservatorium studierte. Mit 11 Jahren trat sie vor dem württembergischen König auf, der sie protegierte.

Sie wechselte mit dreizehn ans berühmte Pariser Conservatoire, wo sie 1857 als 15-jährige den 2. Preis errang: Der 1. Preis ging an keinen geringeren als Pablo de Sarasate. Anschließend tourte sie durch Frankreich und Deutschland um schließlich 1858 bei ihrem Debüt in London sensationelles Aufsehen zu erregen. Alard, ihr Pariser Professor, verschaffte ihr eine Meistergeige von Jean-Baptiste Vuillaume, die heute mit sechsstelligem Euro-Preis taxiert wird. Doch mit zunehmendem Alter verblaßte der Wunderkind-Ruhm. 1869, 1873 und 1877 hieß der Auftrittsort "Laupheim" in der tiefsten, aber heimatlichen Provinz.

Josef Sontheimer und die Stadtkapelle Laupheim

Im Herbst 1879 erkannte Josef Sontheimer die Gelegenheit, sein musikalisches Betätigungsfeld in Laupheim auszudehnen: Er wollte ein städtisches Orchester neu organisieren.

Offensichtlich trat die vorhandene Musikkapelle seit einiger Zeit nicht mehr auf (s. hierzu unseren Artikel zu dem Dirigenten Martin Haas). Am 24.10.1879 richtete er an den Gemeinderat eine Eingabe, ihm den Musiksaal der 1871 eingewiehenen katholischen Schule für Proben zur Verfügung zu stellen, was ihm unter der Bedingung, daß die Proben kirchlichen und städtischen Zwecken dienen müßten, bewilligt wurde. Die Stadtkapelle sollte noch mehrere Jahrzehnte ihr Probelokal in diesem Schulhaus behalten.

Katholische Volksschule Laupheim, 1871

Die Probenarbeit scheint rasch und erfolgreich angegangen worden zu sein. Schon am 22.11.1879 trat das Orchester mit einem Konzert anläßlich der Eröffnung des neuen Saales des Gasthauses "zur Krone" an die Öffentlichkeit.

Das Besondere daran: Zum ersten Mal wurde bei diesem Konzert unter dem Namen "Stadtkapelle Laupheim" aufgetreten, zehn Jahre nach der Stadterhebung Laupheims. Das Konzertprogramm ist außerdem das erste vollständig erhaltene der Stadtkapelle Laupheim (s. hier). Sontheimer selbst trat nicht nur als Dirigent, sondern auch als Violin-Solist auf. Der neue Saal war brechend voll, das Konzert ein großer Erfolg.

Die Aufgabe, bei städtischen Anlässen aufzutreten, erfüllte die von Sontheimer neu organisierte Stadtkapelle Laupheim: Im Februar 1880 bereicherte sie die Feierlichkeiten zur Amtseinsetzung des neuen Stadtschultheißen Hepperle, im März spielte sie die Tagwache zur Feier des Königs-Geburtstages "in schönster Weise". Daher konnte der Gemeinderat Laupheims am 20.03.1880 eine weitere Eingabe Sontheimers bewilligen: Er erhielt eine jährliche Belohnung von 100 Mark, wofür er verpflichtet war

  • eine städtische Musikkapelle ins Leben zu rufen und dabei sein hauptsächliches Augenmerk darauf zu richten, daß jüngere Kräfte nachgezogen werden,
  • Kindern unvermögender Eltern, die ein Instrument erlernen wollen, unentgeltlich Unterricht zu erteilen,
  • bei kirchlichen Verrichtungen und städtischen Festlichkeiten unweigerlich anzuwohnen.

Baldiger Abgang aus Laupheim

Diese Belohnung erwies sich als unzureichend für den Musiker. Am 16. Januar 1881 gab die Stadtkapelle unter Sontheimers Leitung nach längerer Pause wieder ein Konzert, bei dem Sontheimer wiederum als Violin-Solist auftrat, doch dann zog es ihn weg aus Laupheim.

Sontheimers Abgang dürfte im März 1881 erfolgt sein. Sein neuer Wirkungsort als Musikdirektor, Organist und Kantor war Landsberg. Sein weiteres Schicksal ist unbekannt.

Unterschrift von Josef Sontheimer
Unterschrift von Josef Sontheimer

In Laupheim hat Josef Sontheimer nichts hinterlassen. Auch die von ihm komponierten, bei den Konzerten vom 22.11.1879 und 16.01.1881 aufgeführten Stücke "Introduktion zur Oper 'Die Eisjungfrau'" und "Hexentanz" nach einem Märchen von Gordon sind in Laupheim nicht überliefert. So verblasste die Erinnerung an den Dirigenten Josef Sontheimer, den "Erfinder" der Bezeichnung "Stadtkapelle Laupheim", rasch. Als in der Festzeitung zum II. Verbandsmusikfest des Oberschwäbischen Musikerbundes, das 1911 in Laupheim abgehalten wurde, ein Rückblick auf die Geschichte der Stadtkapelle Laupheim erschien, war Sontheimer der einzige Dirigent, der überhaupt keine Erwähnung fand.

Bläser und der Alkohol:

Blasmusiker standen immer im Ruf, alkoholischen Getränken nicht abgetan zu sein. Dabei erwiesen sich die urteilenden Experten oft nicht sehr kompetent. Nachstehende Anekdote erschien in einer Laupheimer Zeitung 1877:

Ein neues Blasinstrument

Der unlängst verstorbene Peter Krukenberg, Professor der Medizin in Halle, docirte einst in seiner Klinik. Ein kranker Mensch stellte sich ihm vor.

"Der Mann ist ein Säufer," sagte Krukenberg zu seinen Studenten, nachdem er den Menschen einige Augenblicke betrachtet hatte.
"Welches Gewerbe haben Sie?"
"Musiker."
"Ganz recht. Es sind besonders die Blasinstrumente, die zum Saufen disponiren."
"Welches Instrument spielen Sie?"
"Violoncell."
"Da haben Sie's, meine Herren, da haben Sie's."