Paul Kühmstedt - Der kompetenteste Nothelfer

Er trat nur als vorübergehende Aushilfe in einer Notlage bei der Stadtkapelle Laupheim an: Der Komponist und Dirigent Paul Kühmstedt. Die Aushilfstätigkeit sollte eineinhalb Jahre andauern.

Paul Kühmstedt
Paul Kühmstedt

Kontakte nach Laupheim hatten immer schon bestanden. Karl Braiger, ein früherer Dirigent der Stadtkapelle Laupheim, holte oft den Rat von Paul Kühmstedt ein, als dieser Dirigent der Stadtkapelle Biberach war. Auch gemeinsame Konzerte wurden gegeben (siehe hier). Interessierte Musiker aus Laupheim pilgerten zu Aufführungen nach Biberach, um den aktuellen Stand der Blasmusik kennenzulernen. Kühmstedt war die Kapazität der oberschwäbischen Blasmusikszene und darüber hinaus.

Musiker und Dirigent

Paul Kühmstedt kam am 29.11.1908 in Ulm zur Welt. Sein Vater, Tubist und Kontrabassist in einer Militärkapelle, erteilte ihm ersten Musikunterricht. Weitergehenden Unterricht erhielt er an Violine, Klavier und Orgel, der den Musiker befähigte, mit sechzehn Jahren das Studium von Klavier, Dirigieren und Komposition an der Musikakademie in München aufzunehmen. Engagements als Kapellmeister und Korrepetitor führten ihn an die Stadttheater von Memmingen, Kaiserslautern und Ulm, wo er 1930/31 mit dem noch unbekannten Herbert von Karajan zusammenarbeitete. In den spielfreien Sommermonaten leitete er das Kurorchester Bad Tölz.

In den Zeiten der Weltwirtschaftskrise und des aufkommenden Nationalsozialismus hielt er sich als Pianist und Dirigent in Cafés, Kabaretts und Varietes in ganz Deutschland über Wasser. 1934 ließ er sich als freischaffender Komponist, Chorleiter und Musiklehrer in Heidenheim nieder. Nach dem Kriegsdienst leitete er die Stuttgarter Operette und das Heidenheimer Kammerorchester musikalisch und arrangierte für diese. 1948 übernahm er das älteste Kindertheater Deutschlands, das Biberacher Schützentheater. 1952 begann sein Dirigat der Stadtkapelle Biberach und der dortigen kleinen Schützenmusik, der am längsten bestehenden Jugendkapelle Deutschlands. Beide Orchester führte er bis 1968. Von 1954-1975 dirigierte er die Stadtkapelle seiner Heimatstadt Ulm, die er schnell zu einem der führenden Blasorchester im Land machte. Das Orchester konnte 1959 mit überraschendem Erfolg am Internationalen Musikfest in Vichy teilnehmen, keine Selbstverständlichkeit in jenen Nachkriegsjahren. Ab 1961 baute Kühmstedt die Ulmer Knabenmusik auf (seit 2008 Junge Bläserphilharmonie Ulm), ein noch heute führendes Jugendblasorchester, das er bis 1974 leitete.

Seine Familie

Paul Kühmstedt heiratete 1934. Seine beiden Söhne, 1934 und 1939 geboren, ergriffen ebenfalls musikalische Berufe, Rüdiger als Musiklehrer und Komponist, Edwin als Klavierbauer.

1990 erlitt Paul Kühmstedt einen Schlaganfall, der zu bleibender Schädigung des Sprachzentrums führte. Am 25.11.1996, wenige Tage vor seinem 88. Geburtstag, verstarb der Künstler in Ulm.

Paul Kühmstedt - Der Komponist

Außer mit seiner Arbeit als Dirigent errang Paul Kühmstedt bleibende Reputation als Komponist, vor allem für Blasorchester. Er war einer der ersten Deutschen, die moderne, sinfonische Blasmusik auf hohem Niveau komponierten, wobei er vom Stil Paul Hindemiths beeinflußt war. Anfangs waren seine Werke in Blasmusikkreisen ob ihres modernen, teils freitonalen Idioms oft unverstanden, doch haben sie bis heute Bestand und werden nach wie vor aufgeführt. Eine Hauptquelle seiner Inspiration war Volksmusik. Seine Instrumentation war transparent, oft stellte er ungewöhnliche Instrumenten-Konstellationen zusammen und verlangte obligat seltene Instrumente wie Kontrafagott.

Sein Oeuvre umfaßt gut 150 Werke für Sinfonie-, Akkordeon- und Blasorchester, Lieder, Märchen- und Singspiele und eine abendfüllende Operette. Sein Interesse an der musikalischen Jugendausbildung bezeugen viele pädagogische Stücke und Stücke für Jugendorchester.

Die Stadtkapelle Laupheim führte von Paul Kühmstedt unter anderem "Der Binsenmichel", "Comedietta", "Duranand", "Gebet", "Prelude Pastorale", "Dorisches Klangspiel", "Trompeten Rock" und "Tanzvisionen" auf, einige davon mit großem Erfolg bei Wertungsspielen. Die Jugendkapelle spielte seinen modernen Marsch "Buffalo Bill".

Am Pult der Stadtkapelle Laupheim

Im Januar 1976 mußte sich die Stadtkapelle Laupheim überraschend von ihrem damaligen Dirigenten Horst Tietzel trennen und in kürzester Zeit eine Übergangslösung bis zur Neubesetzung des Dirigentenpostens finden. Es traf sich gut, daß Paul Kühmstedt gerade seine letzte Dirigentenposition in Ulm aufgegeben hatte. So erklärte er sich bereit, bis zur Einstellung eines neuen Dirigenten aushilfsweise die Stadtkapelle Laupheim zu übernehmen. Der Zeithorizont betrug ein halbes Jahr. Die Stadt Laupheim war nach dem Desaster mit dem Vorgänger nicht mehr bereit, die Dirigentenstelle der Stadtkapelle mit der des Leiters der Musikschule zu koppeln oder einen anderweitigen städtischen Anstellungsvertrag einzugehen, gewährte aber einen Zuschuß zu Kühmstedts Dirigentenhonorar. Die Suche eines neuen Dirigenten sollte sich als äußerst schwierig herausstellen, und so blieb Paul Kühmstedt schließlich bis Anfang August 1977 Dirigent der Stadtkapelle Laupheim.

Nicht nur finanziell, auch organisatorisch mußte sich die Stadtkapelle für ihren renommierten Aushilfsdirigenten ins Zeug legen: Kühmstedt mußte zu jeder Probe und jedem Auftritt in Ulm abgeholt und zurückgebracht werden, wofür ein Fahrdienst eingerichtet wurde.

Probenarbeit und Musik unter Kühmstedt wurden anspruchsvoll. Einigen Musikern zu sehr, sodaß der Probenbesuch schwand. Doch für die Musiker, die dabei blieben, war es eine lehrreiche Zeit.

Schon im März 1976 konnte ein Frühjahrskonzert gegeben werden, das allerdings noch in der gewohnten Literatur verhaftet war (Programm siehe hier).

Kühmstedt dirigiert Stadtkapelle Laupheim, 1976
Paul Kühmstedt dirigiert die Stadtkapelle Laupheim, 1976

Erstmals führte die Stadtkapelle Laupheim unter Paul Kühmstedt ein Kirchenkonzert auf, womit er den Grundstein für das bis heute jährlich aufgeführte festliche Bläserkonzert in der Vorweihnachtszeit legte (Konzertprogramm siehe hier). Dieses Programm wurde erstmals im Dezember 1976 bei einem Gastspiel in Westerheim (Alb) in der Christkönigskirche gegeben und zu Jahresbeginn 1977 in Laupheims Stadtpfarrkirche St. Peter und Paul wiederholt.

Paul Kühmstedt war keineswegs ein abgehobener Künstler. Er ließ auch derbe Scherze seiner Musiker über sich ergehen. Als er beim Kinderfest - Kühmstedt übernachtete hier im Hotel "Wyse" in Laupheim - am Morgen unrasiert erschien, ließen ihm seine festtrunkenen Musikanten eine Rasur angedeihen - mit einem Schlachtermesser!