Titel Laupheimer Bild

Stadtkapelle von Gemeinderat attackiert - Laub zum Stadtvorstand zitiert

Laupheim, den 12. Oktober 1928. Wie unser Blatt aus gut unterrichteten Kreisen erfahren hat, fand am 5. d. M. eine nicht öffentliche Sitzung des Laupheimer Gemeinderats statt, in der Angelegenheiten in Sachen der Stadtkapelle behandelt wurden.

Stadtkapelle kostet zuviel Geld

Laut vorliegenden Informationen bemängelt die Innere Abteilung die hohen Rechnungen, die der Stadt von der städtischen Kapelle für die von ihr im Auftrag ausgeführten Promenadekonzerte ausgestellt werden. Diese Kosten seien zu hoch, insbesondere, da Musikdirektor Laub von Seiten der Stadt eine Jahresvergütung von über 1000 RM empfängt. Eine Neuregelung bezüglich der Promenadekonzerte wird verlangt.

Wir fügen an dieser Stelle an, daß bei den Ausgaben für das Kinderfest laut aktueller Festabrechnung die Stadtkapelle an zweitoberster Stelle steht, nach der Metzgerinnung, von der die kostenlos an die Kinder ausgegebenen Würste stammten. Die Stadtkapelle erhielt fast die zehnfache Vergütung der anderen Musikkapellen. Umso befremdlicher das nachstehende Verhalten (wir berichteten):

Stadtrat Wilhelm Preßmar
Wilhelm Preßmar, "Kinderfestonkel" und Dichter des Kinderfestliedes

Gemeinderat Wilhelm Preßmar erhob Vorwürfe gegen die Stadtkapelle. Beim diesjährigen Kinderfest am 10. September sei die Stadtkapelle nicht rechtzeitig zum Absingen des Kinderfestliedes am Platz gewesen und habe erst nach dringender Aufforderung die Begleitung des Liedes ab der zweiten Strophe unternommen. Dies, obwohl anhand des veröffentlichten Programmes klar gewesen sei, wann das Kinderfestlied gesungen werde und die Stadtkapelle somit davon Kenntnis gehabt habe. Preßmar sieht darin eine gewisse Renitenz seitens von Musikdirektor Laub, die nicht zu akzeptieren sei. Unsrerseits sei erwähnt, daß Gemeinderat Preßmar die treibende Kraft hinter der Etablierung eines regelmäßen Kinderfestes ist und zu dessen Beförderung im vorigen Jahr den Text des Kinderfestliedes auf die Melodie des bekannten Liedes Wohlauf, die Luft geht frisch und rein verfaßt hat.


Laub boykottiert Orchestervereinigung

Franz Konrad Stadtschultheiß / Bürgermeister in Laupheim 1924-1934
Franz Konrad Stadtschultheiß / Bürgermeister in Laupheim 1924-1934

Der Stadtvorstand, Schultheiß Franz Konrad, berichtete von einer weiteren schädlichen Verhaltensweise des städtischen Musikdirektors Laub. Im letzten Jahr hatte sich bekanntlich die Orchestervereinigung als eigenständiger Verein konstituiert, mit Schultheiß Konrad als 1. Vorstand. Dieser Gruppe war zuvor dem Gesangverein Concordia angegliedert, pflegt die Streich- oder Sinfoniemusik und hatte schon bald nach dem Gründungsaufruf 20 aktive und 50 passive Mitglieder. Die Stadtkapelle hatte dagegen, wohl nicht zuletzt als Reaktion auf die Etablierung der Orchestervereinigung, erst im März diesen Jahres mit der Bildung eines Musikvereins begonnen.

Konrad berichtete nun, daß die Orchestervereinigung bei einem Musiker der Stadtkapelle angefragt habe, bei einem Konzert auszuhelfen, und zwar gegen Bezahlung.

Laub habe dies dem Musiker unter Androhung des Auschlusses aus der Stadtkapelle untersagt. Dies sei völlig unverständlich, da die Orchestervereinigung keine Konkurrenz für die Stadtkapelle darstelle, da sie keine kommerzielle Musik betreibe und Konzerte nur ohne Eintrittsgeld veranstalte. Als städtischer Musikdirektor sei Laub schließlich für die Förderung der Musikpflege der gesamten Stadt verantwortlich.

Laub zum Rapport beim Stadtvorstand einbestellt

Aufgrund dieser Vorkommnisse beschloß der Gemeinderat, daß in Punkto Promenadenkonzerte eine Neuregelung durch den Gemeinderat herbeigeführt werden muß.

Desweiteren wurde beschlossen, den Musikdirektor Laub zu einer Aussprache mit Stadtvorstand Schultheiß Konrad vorladen zu lassen. Diese Aussprache hat nun am Samstag, den 13. d. M. im Rathaus stattgefunden. Einzelheiten wurden nicht bekannt.

Wir werden weiter berichten, sobald sich Neuigkeiten in der Angelegenheit ergeben.

Promenadekonzerte in Laupheim

Promenadekonzert in Laupheim, 1926
Promenadekonzert in Laupheim, Postplatz vor "Germania", 1926

Von der Stadt wurden schon früh Promenadekonzerte zur Ausführung durch die Stadtkapelle beauftragt, anfangs meist zu besonderen Anlässen wie zum Beispiel bei der Einweihung des Stadtbahnhofes 1904. 1909 wurde ein Vorschlag aus den Reihen des Gemeinderats, der Stadtkapelle eine jährliche Vergütung zu zahlen und sie dafür zu Promenadekonzerten zu verpflichten, noch abgelehnt. 1910 gab die Stadtkapelle zwei Promenadekonzerte. Die Initiative kam vom "Hasenstammtisch", der von illustren Personen wie Oberamtmann - heute entspricht dies dem Landrat - Kindel und dem ehemaligen Dirigenten der Stadtkapelle, Nikolaus Stumpp, frequentiert wurde. In Zeiten, als Musik für die breite Masse der Bevölkerung nur live und von Hand gemacht zur Verfügung stand, eine besondere Attraktion, die die Stadt dadurch zu bieten hatte.

Nach dem 1. Weltkrieg wurde die Tradition 1923 durch die Stadt wiederaufgenommen und die Stadtkapelle zum Spielen von jährlich 6 Promenadekonzerten verpflichtet - gegen gute Bezahlung. Für die Stadt war dies nicht zuletzt eine Maßnahme zur Förderung des Einzelhandels: Die Konzerte sollten vornehmlich an "offenen" Sonntagen durchgeführt werden - Sonntage, an denen die Geschäfte nachmittags 2-3 Stunden öffnen durften. In den Zwanziger Jahren gab es jeden Monat einen "offenen" Sonntag (!) - und wenn an diesen noch kostenlose Konzerte durch die weit und breit beste Kapelle geboten wurden, strömte die Bevölkerung des Umlands umso lieber in die Stadt. Die Uhrzeit der Konzerte wurde zu diesem Zweck auf 12-13 Uhr in die Ladenöffnungszeit gelegt, später auf 14:30-15:30 Uhr. 1929 wurde beschlossen, 2 der 6 Promenadekonzerte in Kleinlaupheim auf dem Platz vor dem Gasthaus "Germania" abzuhalten.

Aufgrund der katastrophalen Weltwirtschaftskrise strich die Stadt ab 1931 die Promenadekonzerte. Hier sprang der große Wohltäter Laupheims, das Ausschußmitglied des Musikvereins, Max Bergmann, ein. In seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Verschönerungsvereins, der schon früher die Stadtkapelle immer wieder mit Promenadekonzerten beauftragt hatte, verschaffte er der Kapelle drei Promenadekonzerte auf Kosten des Verschönerungsvereins in der vereinseigenen Höhenanlage. Erst 1936 hatte sich die Stadt wirtschaftlich soweit erholt, daß die Stadtverwaltung wieder regelmäßige Promenadekonzerte geben ließ.

Auch nach dem 2. Weltkrieg gab die Stadtkapelle noch viele Jahre öffentliche Promenadekonzerte in Laupheim, das erste bereits 1946 wieder.