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Skandal beim Kinderfest:

Stadtkapelle boykottiert Kinderfestlied

Festzugsprogramm Kinderfest Laupheim 1928, Titelblatt
Festzugsprogramm Kinderfest Laupheim 1928, Titelblatt

Laupheim, den 10. September 1928. Das Laupheimer Kinderfest erlebte in diesem Jahr seine zweite Auflage in Folge nach der zwar von Regen getrübten, aber doch erfolgreichen Wiederbelebung im letzten Jahr. Wie bereits berichtet, soll das Fest als Kinder- und Heimatfest zu einer festen Tradition und somit möglichst jedes Jahr veranstaltet werden. Die Stadt erhofft sich davon eine festere Bindung an die Heimat, die sowohl bei Alten wie Jungen gefördert werden soll. Ein willkommener Nebeneffekt ist die wirtschaftliche Belebung durch die Werbung für die Stadt und den Verzehr beim Fest.

Großartiger Festverlauf

Das Fest begann bereits am Sonntag, den 9. September, dem Vorabend des eigentlichen Festtages. Abends um sieben Uhr zogen die Trommler und Pfeifer der Latein- und Realschule zusammen mit den bunte Lampions tragenden Kindern durch die Straßen der beflaggten Stadt. Am Montagmorgen erklang um 5 Uhr die Tagwache durch nämlichen Trommler- und Pfeiferzug sowie die hiesige Stadtkapelle, sodaß alle Bürger rechtzeitig zum Festgottesdienst um 7 Uhr geweckt waren.

Szene vom Festzug Kinderfest Laupheim 1928 (Kapellenstraße)
Szene vom Festzug Kinderfest Laupheim 1928 (Kapellenstraße)

Der Höhepunkt des Tages war sicherlich der große Festumzug um 10 Uhr. Unter dem Motto Im Reiche der Märchen bewegten sich 37 Gruppen durch Raben-, Mittel-, Ulmer- und Kapellenstraße über den Marktplatz zum Festplatz. Besonders die zehn liebevoll nach Entwürfen des einheimischen Künstlers Franz Bitterle gestalteten Festwagen erregten große Bewunderung. Den Gestaltern des Festzuges, Herrn Lehrer Leute und Herrn Fabrikant Max Bergmann sei Dank ausgesprochen, ebenso an dieser Stelle den zahllosen Spendern der im Vorfeld durchgeführten Haussammlung zugunsten des Kinderfestes.

Abwechslung in den Festzug brachten in diesem Jahr auch die vielen Musikgruppen, neben dem Trommler- und Pfeiferzug der Latein- und Realschule noch derjenige der Feuerwehr Laupheim, die Stadtkapelle Laupheim sowie die Musikkapellen aus Baustetten, Schemmerberg und Rißtissen.

Nach Ankunft auf dem Festplatz sangen die Kinder gemeinsam das Kinderfestlied, das der Hauptinitiator des Festes und letztjährige Leiter des Festcomittees, der "Kinderfestonkel" Herr Gemeinderat Wilhelm Preßmar, eigens für das Fest in treffenden Worten gedichtet und im letzten Jahr vorgestellt hat. Zu diesem Punkt beachten Sie bitte noch den Kasten unten.


Am Nachmittag wurden zahlreiche Klassenspiele, Kinderreigen und eine Lotterie geboten. Um vier Uhr ließen die Kinder zahllose Luftballons mit Festpostkarten in den Himmel steigen. Vergnügliche Unterhaltung boten das Karussell, die Schießbude, Ringwerfen, Schaukel, Kasperletheater und einige andere Schaustellungen wie die Raritätenschau mit den kleinsten Pferden der Welt und lebenden Schaukelpferden. Erstmalig wurden auf dem Festplatz auch alkoholfreie Getränke wie Milch von der Laupheimer Milchverkaufsgenossenschaft, Saft vom Obstbauverein und Mineral- wasser aus Bad Dietenbronn ausgeschenkt. Das Wetter und die Kinderaugen strahlten den ganzen Tag um die Wette!

Stadtkapelle Laupheim beim Kinderfest 1928
Stadtkapelle Laupheim beim Kinderfest 1928, noch in alter Uniform

Unter den schattigen Bäumen des Festplatzes floß der Gerstensaft trotz des happigen Preises von 60 Pf. pro Liter Lagerbier in Strömen. Die Kapellen konzertierten, wobei sich insbesondere die Stadtkapelle bis in den Abend betätigte.

Beteiligung des gesamten Oberamts

Nach dem Festzug trafen rund 1400 Schüler von Schulen aus dem gesamten Oberamt Laupheim zum Fest ein. Insgesamt war der Zustrom von Besuchern aus den Umland in Anbetracht eines Arbeitstages sehr zahlreich.

Die Laupheimer Firmen hatten sich größtenteils an das Schreiben der Stadtverwaltung gehalten und ihren Mitarbeitern einen freien Tag beschert.

Lobend erwähnt werden soll noch der Laupheimer Karneval-Verein e.V., der die Hauptlast der Festorganisation übernommen und sich somit ein Betätigungsfeld außerhalb der Faschingssaison eröffnet hat.

Stadtkapelle spielt Kinderfestlied nicht mit

Unverständnis löste das Verhalten der Stadtkapelle beim Absingen des Kinderfestliedes nach dem Festzug auf dem Festplatz aus. Die Kapelle war nicht rechtzeitig zur Stelle und als sie dann vor Ort war, dirigierte Musikdirektor Laub den Chor der Kinder nicht und die Kapelle ließ ihre Instrumente ruhen. Erst nach Aufforderung durch den Fest- ausschuß begleitete die Musik die Kinder ab der zweiten Strophe.

Eine Kapelle, die den Namen der Stadt trägt und ein Dirigent, der städtischer Musikdirektor ist, sollten wohl mehr Engagement für die gemeinsame Sache des Kinderfestes zeigen und das neue Lied in Ehren halten. Eine schlechte Werbung für den neugegründeten Musikverein!

Wir werden in dieser Sache weiter berichten.