Das Kinderfest in Laupheim 1910

Das Laupheimer Kinderfest - die Anfänge

Heute ist es das größte Fest der Stadt Laupheim: Das jährlich gefeierte Kinder- und Heimatfest, das mittlerweile fünf Tage dauert. Diese Regelmäßigkeit in der Durchführung konnte sich erst 1927 etablieren, als Stadtrat Wilhelm Preßmar - der "Kinderfestonkel" - die Initiative ergriff, ein Kinderfest als feste Institution einzurichten und es in jedem Jahr zu feiern. Dafür dichtete er 1927 auch das Kinderfestlied "Am Himmel hoch die Sonne glänzt", das bis heute gesungen wird und das der damalige Stadtkapellendirigent Franz Laub in einen freudigen Marsch gekleidet hat. Schon damals bestand die Absicht, das Fest auch zur Förderung des heimatlichen Zusammenhalts zu nutzen, der Begriff "Heimatfest" tauchte aber noch nicht auf. Und so benutzen die alteingesessenen Laupheimer nach wie vor den Begriff "Kinderfest", wenn sie von ihrem großen Fest sprechen.

Doch was war zuvor?

Die offiziellen Publikationen zum Kinder- und Heimatfest 2010 verkünden, daß das Fest nunmehr seit 125 Jahren gefeiert werde. Auf welcher Grundlage diese Zahl beruht, entzieht sich unserer Kenntnis. Täuschen uns unsere arithmetischen Fähigkeiten nicht, wäre laut dieser Information das erste Kinderfest 1885 gefeiert worden. Nun, das ist es definitiv nicht, 1885 hat kein Kinderfest stattgefunden, allerdings wurden in diesem Jahr sehr wohl derartige Versprechungen gemacht und dann nicht erfüllt.

Ein Kinderfest zu feiern - dieser Wunsch bestand in der kleinen Stadt immer schon. Nicht zuletzt gab das Vorbild anderer Städte dem Wunsch Nahrung. In der Nachbarstadt Biberach war das Schützenfest als Kinderfest eine seit Jahrhunderten bestehende Tradition. 1876 drangen Berichte von einem großartigen Kinderfest in Waldsee nach Laupheim und ließen die Forderung aufkommen, es diesem gleich zu tun. Schließlich war Laupheim wenige Jahre zuvor - 1869 - endlich zur Stadt erhoben worden und man war bemüht, in allen Belangen "städtisch" zu werden und es mit anderen Landstädten aufzunehmen. Anläßlich der Stadterhebungsfeierlichkeiten im September 1869 wurden bereits Kinderbelustigungen auf dem Festplatz veranstaltet - vielleicht könnte man dieses Fest als erstes Kinderfest der Stadt Laupheim bezeichnen. 1876 wurde es trotz gutem Willens der Stadtbehörde und der bürgerlichen Kollegien nichts mit einem Kinderfest - es scheiterte an einem Berufsstand, der bis heute dem Vorurteil der Faulheit ausgesetzt ist:

Wie man aus sicherer Quelle erfährt, war es die Absicht des Gemeinderaths, dieses Jahr ein Kinderfest abzuhalten, welches aber an dem guten Willen und der Commodität des Lehrerpersonals scheiterte.

Ein Leserbriefschreiber in einer Laupheimer Zeitung

Des Schreibers Hoffnung, "daß das Gemeindekollegium seinem Verlangen künftiges Jahr Achtung zu verschaffen wissen wird", sollte sich aber erfüllen: 1877 wurde endlich ein Kinderfest gefeiert, am Dienstag, den 11. September. Zuvor machten die "Kinderfreunde" aber Druck auf die Stadt: Für den 26. Mai 1877 beriefen sie eine Versammlung im Gasthaus "Harmonie" ein zwecks Besprechung der Abhaltung eines Kinderfestes im Herbst. Die Stadt Laupheim antwortete postwendend mit einer Bekanntmachung: Die Arbeit der Kinderfreunde sei unnötig, für das laufende und die kommenden Jahre sei ein Kinderfest bereits beschlossene Sache und dies werde von der dafür kompetenten Stadtbehörde abgewickelt.

War die Stadtkapelle beim Kinderfest 1877 dabei? Die Bezeichnung "Stadtkapelle" tauchte erstmals zwei Jahre später, 1879, auf. Eine hiesige Blasmusik gab es aber schon lange. Sie stand 1877 unter der Leitung von Martin Haas. Dokumente aus jenen Jahren sind praktisch keine überliefert, und justament in den Jahren 1877/78 wurde es sehr ruhig um die "städtische Musik", vermutlich weil Martin Haas krankheitshalber als musikalischer Leiter ausfiel. Immerhin wissen wir aus der erhaltenen Festzugsordnung, daß Tambours - also Trommler - zusammen mit der "Musik" am Festzug teilnahmen - die noch nicht so genannte Stadtkapelle war also dabei. Ob sie, wie 1869, auch auf dem Festplatz musizierte, der damals in der Nähe der Hammerschmiede (Vorholz) lag, kann nicht belegt werden.

Ob man nun das Fest von 1869 oder die explizit als Kinderfest konzipierte Veranstaltung von 1877 als erstes Kinderfest annimmt: Die Stadtkapelle war bei beiden dabei und ist somit - außer den Hauptpersonen des Festes, den Kindern und Schülern - die einzige Gruppe, die bis heute ununterbrochen am Kinderfest teilnimmt.

Der Traum vom Kinderfest 1886

Nachstehende "Bittschrift unserer Kleinen" wurde im April 1886 im "Laupheimer Verkündiger" abgedruckt.

Liebe Eltern Lehrer, Vorgesetzten und Kinderfreunde.

Lieber Herr Schulinspektor.

Der liebliche Frühling ist wieder eingezogen mit all seiner bunten Pracht und rings streut er die süßesten Hoffnungen aus über das Land, über die Stadt - über unsere Kinderherzen. Aber was sind alle Hoffnungen, wenn ihnen die Erfüllung als köstliche Frucht nicht nachfolgt?

Der liebe Gott zwar hält immer sein Wort bis heute. Seine Versprechungen haben wahr gemacht - unerfüllt ist bis jetzt nur die Eine Hoffnung geblieben, die Ihr, liebe Eltern, Lehrer Vorgesetzte und Kinderfreunde im vorigen Jahre in unsere Herzen gelegt hattet, die süße Hoffnung auf ein Kinderfest! Getäuschte Hoffnungen aber thun sehr weh und die Thränen, welche unsere Kinderherzen im Stillen geweint, sind schmerzliche Kinderzähren, welche aus dem Auge perlten. Die Nichteinlösung der ausgestreuten Hoffnung mußte uns ja den schmerzlichen Gedanken nahelegen, daß auch wir den Hoffnungen, die ihr auf uns gesetzt, nicht entsprochen hätten oder, was noch betrübender für unsere Herzen wäre, daß Ihr lieben Eltern, Lehrer und Vorgesetzten uns weniger lieb hättet, als die Einwohner anderer Städte ringsum ihre Kleinen lieben. Denn aus der reichen Fülle von Freuden und Vergnügungen, welche das vergangene lange, schöne Jahr ihnen geschenkt hat, haben die Nachbarstädte wenigstens einen schönen Freudentag ihren Kleinen gereicht. ...

Gedenket Eurer eigenen Jugendjahre und versetzt Euch zurück in die Tage der Kindheit. O wie harrtet und hofftet Ihr auf den versprochenen Kindertag, wo der liebe Vater und die festlich gekleidete Mutter hochbeglückt Euch an der Hand hinausgeführt zum Freudenfeste der Kinder. ...

Das Laupheimer Kinderfest von 1910

Nach dem Kinderfest 1877 mußten Laupheims Kinder wieder trotz der vollmundigen Versprechungen der Stadt darben und lange warten, bis erneut ein Fest für sie gefeiert wurde. Im April 1886 erschien in einer örtlichen Zeitung eine "Bittschrift" "unserer Kleinen". In ihr wurde beklagt, daß das für 1885 versprochene Kinderfest nicht abgehalten wurde. 1886 wurde es wieder nichts mit einem ausdrücklichen Kinderfest, doch wurde am Samstag, den 11. September in Laupheim das große landwirtschaftliche Gaufest gefeiert, das am Montag, den 13.09.1886 weitergefeiert wurde. Als Kinderfest wurde dieser Tag nicht ausdrücklich bezeichnet.

Die landwirtschaftlichen Gau- bzw. später Bezirksfeste sollten für das Kinderfest bedeutsam werden. 1900 fand das landwirtschaftliche Fest erneut in Laupheim statt, und als Zusatztag gab es ein Kinderfest. 10 Jahre sollten dann vergehen, bis wieder ein Kinderfest abgehalten wurde, und wieder war es im Anschluß an das Landwirtschaftliche Bezirksfest in Laupheim.

Kinderfestwetter

Das Kinderfest 1910 fand am Montag, den 19. September statt. Die Tage zuvor hatte es fast ununterbrochen geregnet, doch pünktlich zum ersten Tag des Landwirtschaftlichen Bezirksfestes am Samstag, den 17.09.1910 stellte sich schönstes Spätsommerwetter mit blauem Himmel und Hitze ein, das die drei Festtage halten sollte. Nach dem Kinderfesttag regnete es erneut.

Stadtkapelle Laupheim 1909
Stadtkapelle Laupheim 1909

Das Landwirtschaftliche Bezirksfest lockte eine Menschenmasse nach Laupheim, wie sie die Stadt bis dato noch nie gesehen hatte. Zahlreiche Sonderzüge wurden eingesetzt. Der Festplatz - derjenige, auf dem bis heute das Kinderfest gefeiert wird - war mit Blumen geschmückt und konnte gar nicht alle Festbesucher aufnehmen. Zum großen Festzug waren Tribünen in der Stadt errichtet worden. Die Stadtkapelle unter Franz Laub spielte unermüdlich, beim Festzug, beim Festbankett und den ganzen Tag auf dem Festplatz. Am Sonntag gab sie auf dem Postplatz von 11 - 12 Uhr ein hervorragend besuchtes Promenadekonzert und spielte wiederum den ganzen Nachmittag auf dem Festplatz.

Der Montag war dann der Kinderfesttag. Er begann mit einem Festgottesdienst in der Kirche Sankt Peter und Paul um 9 Uhr. Um 13 Uhr startete der Festzug der Kinder. Die Stadtkapelle führte als erste Gruppe den Zug mit 870 Kindern und einem Festwagen durch die Biberacher, Mittel-, König-Wilhelm-, Rad- und Kapellenstraße über den Marktplatz bis zur Hasenstraße zum Festplatz an. Dort begleitete sie die Kinder beim Lied "Preisend mit viel schönen Reden", das heutige Kinderfestlied gab es noch nicht. An die Kinder wurden Geschenke verlost, jedes der kostenlosen Lose gewann, es gab Rucksäcke, Taschenmesser, Gießkännchen, Schürzen und vieles mehr zu gewinnen, das Laupheimer Bürger gespendet hatten. Die Schulklassen führten Tänze, Turnübungen und Spiele auf, einige Mädchen deklamierten lustige Gedichte. Statt einem großen Vergnügungspark unterhielt man sich mit Spielen wie "Topfschlagen", "Sackhüpfen", "Eierlaufen", "Fuchs und Has", "Pfeifchenhaschen", "der Knötel geht um".  Um 18 Uhr endete das Kinderfest mit dem gemeinsam gesungenen und von der Stadtkapelle begleiteten Lied "Deutschland über alles", das seinerzeit nicht die Nationalhymne war.

Die Kinderfestkonstante - die Stadtkapelle

Vieles hat sich seit den bescheidenen Anfängen geändert beim Laupheimer Kinderfest. 1910 wurde für das Kinderfest eine eigene Festkommission eingerichtet, ein Vorläufer des heutigen Heimatfestausschusses. Sie rekrutierte sich aus den Stadträten Münch, Ganser und Löwenthal, der den Vorsitz führte, und den Bürgerausschußmitgliedern Speidel, Schmid und Amann. Befugt, im Namen der Stadt Verträge rund ums Kinderfest abzuschließen und Anordnungen zu erlassen, war die Hauptaufgabe der Kommission nicht zuletzt das Spendensammeln von Haus zu Haus, denn die Stadt selbst konnte nicht viel Finanzielles beisteuern.

Eines hat sich nicht geändert: Die Stadtkapelle hat immer schon am Laupheimer Kinderfest mitgewirkt und ist somit dessen älteste bis heute bestehende Gruppe. Und nach dem Kinderfest von 1910 sollte sie entscheidend dazu beitragen, daß die Laupheimer Kinder nicht wieder zehn und mehr Jahre auf ein Kinderfest warten mußten: 1911 hatte sie entscheidenden Anteil daran, daß es erneut einen Kinderfesttag gegeben hat. Doch darüber berichten wir an anderer Stelle.