I. Oberschwäbisches Musik-Verbands-Fest 1909

Aufbruch in die Moderne - die "gute, alte Zeit"

Was war das doch für eine Zeit, jene Jahre vor dem 1. Weltkrieg, die heute gerne als die "gute, alte Zeit" verklärt werden. Das neue, deutsche Kaiserreich hatte 1909 schon fast vier Jahrzehnte Bestand, und das im Frieden. Technischer Fortschritt brachte Wohlstand - für den einen mehr, den anderen weniger - und Aufbruchsstimmung. Die letzten Jahrzehnte waren insbesondere für das kleine oberschwäbische Landstädtchen Laupheim Jahrzehnte einer rasanten Aufwärtsentwicklung. 1869 erst war der Oberamtssitz zur Stadt erhoben worden. Seither wuchs die Einwohnerzahl stetig, repräsentative Gebäude wurden errichtet, die letzten strohgedeckten Häuser waren verschwunden, ein Stadtbahnhof 1904 eröffnet worden, industrieartige Betriebe entstanden. Eine städtische Wasserversorgung mit Leitungen in jedes Haus wurde 1898 aufgebaut, im selben Jahr ein Telefon-Ortsnetz mit 26 Teilnehmern eingerichtet und im Januar 1903 erstrahlten die ersten Wirtshäuser in dem fantastischen, hellen, nichtstinkenden und bequemen elektrischen Licht. Die ersten Automobile durchfuhren die ungeteerten Straßen der Stadt, über deren Himmel Zeppeline kreuzten, die Südbahn wurde 1909 zweispurig ausgebaut. 1904 wurde der Fußballclub Olympia gegründet, Fahrer des Radfahrclubs errangen Erfolge, ebenso die Turner. Man freute sich am "Hauptmann von Köpenick", der die Preußen narrte und 1909 mit seiner Geschichte durch Oberschwaben tourte. Weniger erfreulich: Der Kaiser brauchte Geld für seine Aufrüstung. Seine Beamten waren erfinderisch beim Auftun neuer Einnahmequellen. Im Sommer 1909 erregte die Einführung von Glühlampen-, Zigarren-, Zündholz- und Kaffeesteuer die Gemüter. Schlimmer wäre eine weitere Steigerung der Biersteuer gewesen: Die Württemberger tranken 1909 im Schnitt 160 Liter Gerstensaft pro Kopf und Jahr (Deutschland 2008: 111 Liter, bei deutlich höherem Anteil an Erwachsenen).

Franz Laub, 1912
Franz Laub, Dirigent der Stadtkapelle Laupheim, 1912

Das Musikleben stand im Städtchen in einer Blüte, die drei Gesangvereine wetteiferten miteinander, der am Ort wirkende Konzertmeister Georg Pfeifer hatte im Frühjahr 1909 mit dem Sinfonieorchester des Infanterieregiments 120 aus Ulm, seinem Gesangverein "Frohsinn" und einer Karlsruher Opernsängerin ein großes klassisches Konzert im Vereinshaussaal aufgeführt. Und der geniale Dirigent und Komponist Franz Laub hatte seine Stadtkapelle seit 1908 auf die Stärke von unglaublichen 22 Mann und ein musikalisches Niveau gebracht, das in Oberschwaben an der Spitze stand. 1908 erzielte man beim Prototyp-Musikfest in Waldsee einen sensationellen 1. Preis und gab im Herbst das erste eigenständige, große Konzert. Selbstbewußt inserierte man im 1909 erschienenen "Adreß- und Geschäfts-Handbuch der Oberamtsstadt und der Bezirksgemeinden Laupheim" zur tadellosen Ausführung von Konzert-, Ball-, Hochzeits- und Marschmusiken bei billigster Berechnung.

In diesem Jahr 1909 sollte das nächste musikalische Ausrufezeichen gesetzt werden.

Das I. Oberschwäbische Musik-Verbands-Fest

Das Musikfest von 1908 in Waldsee hatte vor allem einem Zweck gedient: Die oberschwäbischen Musikkapellen zu vereinen und einen Musikverband zu gründen. Das Ziel wurde erreicht, am 29.11.1908 wurde in Waldsee der Oberschwäbische Musikverband konstituiert. Die Stadtkapelle Laupheim trat bei, ihr Dirigent Franz Laub wurde zum Verbandsdirigenten gewählt. Das erste Verbandsmusikfest wurde für 1909 festgelegt und der Stadtkapelle Isny die Ausführung übertragen.

Einladung zum 1. Oberschwäbischen Musikverbandsfest 1909
Einladung zum 1. Oberschwäbischen Musikverbandsfest in Isny 1909

Im März 1909 verschickte der Oberschwäbische Musikverband Einladungen an Verbands- und benachbarte Kapellen unter Bekanntgabe der Teilnahmebedingungen zum ausgeschriebenen Wettbewerb. Auch die Stadtkapelle Isny lud mit Programm zum Besuch des Musikfests ein.

Man hatte aus den Erfahrungen aus dem Wettspiel in Waldsee gelernt, wo keine Einstufung der Kapellen in Schwierigkeitsgrade vorgenommen worden war und diesesmal zwei Klassen gebildet, die niedere und die höhere Stufe. Wettbewerbsteilnehmer mußten die Partitur ihres Vortragsstücks vorab bis Juni beim Dirigenten der Stadtkapelle Isny einreichen. Tänze, Märsche und Solostücke waren als Wettbewerbswerk nicht zugelassen. Außer Konkurrenz durften sich Kapellen im freien Vortrag der Jury stellen. Dies traf für die Stadtkapelle Laupheim zu: Die Statuten des Verbandes bestimmten, daß die Kapelle des Verbandsdirigenten nicht am Wettbewerb teilnehmen durfte - man wollte dem Verdacht von Mauscheleien aus dem Weg gehen, denn sicher war der Verbandsdirigent bei der Einteilung der Wertungsrichter maßgeblich beteiligt. Das Wertungsgericht wurde von zwei Militär- und einem zivilen Kapellmeister gebildet. Angetreten werden durfte zum Wettspiel nur mit eigenen Musikern. Die Bewertung erfolgte nach einem Punkteschema, es wurden 1., 2. und 3. Preise vergeben. Alle am Wettspiel auftretenden Kapellen waren verpflichtet, am Gesamtchor teilzunehmen, die Noten wurden von Musikdirektor Hackspiel, Isny, versandt.

Auf zur Perle des idyllischen Allgäus, auf nach dem schönen Isny!

Die Ausschreibung zum I. Oberschwäbischen Verbandsmusikfest erzielte eine große Resonanz. Angesagt hatten sich fast zwanzig Kapellen zum Wettbewerb, bis zu zehn weitere ohne Wettbewerb. Isny erwartete über 400 Musiker, und das zog auch das Publikum an, zu Zeiten, als nur Wohlhabende Grammophone besaßen und ansonsten Musik nur "live" zu erleben war. Und so riefen die Zeitungen Oberschwabens dazu auf: "Auf zur Perle des idyllischen Allgäus, auf nach dem schönen Isny!"

Der Hauptfesttag in Isny

Die Stadtkapelle Laupheim reiste höchstwahrscheinlich bereits am Samstag, den 24.07.1909 mit dem Zug nach Isny - Belege dafür existieren nicht. Da jedoch der Wettbewerb am frühen Sonntagvormittag begann, gab es keine Möglichkeit, am selben Tag von Laupheim nach Isny zu gelangen. Anzunehmen ist, daß die Laupheimer Musiker den um 13:35 Uhr vom Hauptbahnhof (Laupheim-West) abgehenden Zug nahmen und in Aulendorf in den Zug um 15:02 Uhr nach Leutkirch umstiegen, um von dort die Nebenbahn nach Isny zu nehmen. Die Stadtkapelle Isny jedenfalls empfing die um 17:05 Uhr am Bahnhof ankommenden Gäste mit Musik und geleitete sie in die Quartiere. Die zu diesem Fahrplan passende Zugfahrt ab Laupheim Stadtbahnhof um 13:19 Uhr hatte noch genügend Zeit gelassen für einen am Samstag vorangehenden Auftritt: Eine Abteilung der Stadtkapelle hatte am Morgen aus Anlaß der 25-jährigen Übernahme des Amts als katholischer Stadtpfarrer durch Dr. Georg Sauter Choräle vom Kirchturm St. Peter und Paul geblasen.

Am Abend des 24.07.1909 fand in Isny um 20 Uhr ein großes Festbankett im Saalbau "zum Ochsen" statt. Die Stadtkapelle Isny und der örtliche Liederkranz traten auf, der Turnverein begeisterte mit Trapez-Gruppenbildern. Stadtschultheiß Bär begrüßte die Gäste, ebenso Musikdirektor Hackspiel, der den Wettspielteilnehmern gutes Gelingen wünschte. Verbandsvorsitzender Denzel aus Waldsee bedankte sich bei den Gastgebern und brachte Toasts auf die vortragenden Vereine aus.

Nach diesem rauschenden Festabend sorgte man sich nur noch um das Wetter für den Hauptfesttag, nachdem es an diesem Samstag wechselhaft war.

Der Wettbewerb

Um 5 Uhr am Morgen des 25.07.1909 begann mit der durch die Stadtkapelle Isny in den Straßen der Stadt geblasenen Tagwache der Hauptfesttag des I. Oberschwäbischen Musik-Verbands-Festes. Frühzüge brachten zahlreiche Festgäste herbei, von allen Seiten strömten Besucher nach Isny, das bisher noch nie eine solche Menge von Menschen beherbergt hatte. Die Eintrittspreise zu den Veranstaltungen - 1,70 Mark für das Komplettpaket inklusive einem reservierten Platz beim Wettspiel, 1,20 Mark komplett ohne reservierten Platz, 1,50 Mark nur Wettspiel mit reserviertem Platz, 30 Pfennig nur für den Festplatz - hielten das musikinteressierte Publikum nicht ab [wer opferte 2009 einen halben Tageslohn für einen Laien-Blasmusikwettbewerb?]. Das Wetter trug zum guten Besuch bei: Die Sonne begann zu strahlen.

Leicht verspätet begann um 8 Uhr der Wettbewerb im Saalbau "zum Ochsen". Die angekündigte Zahl von zwanzig Kapellen wurde nicht erreicht. Es traten zehn Kapellen aus dem Oberschwäbischen Musikverband an, angesichts von gerade einmal 19 Gruppen, die Ende November 1908 den Verband gegründet hatten, keine schlechte Beteiligung. Vier Kapellen davon spielten in der niederen Stufe, sechs in der höheren. Dazu kamen drei Vereine außer Verband. Vervollständigt wurde das Wettspiel durch die Stadtkapelle Laupheim, die sich außer Konkurrenz der Jury stellte. Das Orchester des Verbandsdirigenten trug gleich zwei Werke vor: "Pilgerchor und Lied an den Abendstern" aus der Oper "Tannhäuser" von Richard Wagner und "Chöre der Zigeuner" aus der Oper "Preziosa" von Carl Maria von Weber.

Nach einer kurzen Pause fand gegen 11 Uhr die Hauptprobe der Gesamtchöre statt. Zu Beginn hielt Verbandsdirigent Franz Laub eine Ansprache an die Musiker. Mit warmen Worten ermunterte er sie, an den Zielen des Verbandes festzuhalten und an diesem Festtag neue Begeisterung, Arbeitslust und Liebe zur edlen Musik zu empfangen. Anschließend begaben sich die Kapellen zum Mittagsmahl in ihre Quartiere.

Franz Laubs Gastgeschenk

Um 12:30 Uhr sammelten sich die Festzugsteilnehmer beim Gasthof "zum Engel" in der Bahnhofstraße. Gegen 13 Uhr setzte sich der Festzug durch die festlich geschmückten Straßen in Bewegung. Außer den Isnyer Vereinen, dem Festausschuß und dem Preisgericht bestand dieser aus neunzehn Musikkapellen - einige weitere angemeldete waren einfach nicht erschienen.

Nach dem Festzug eröffnete die Stadtkapelle Isny das Nachmittagskonzert auf dem Festplatz "Rain", dessen Schatten bei dem heißen Wetter sehr angenehm war. Der Schriftführer des Festausschusses, Postsekretär Mutter, hielt die Festrede, in der er für den Anschluß weiterer Kapellen an den Oberschwäbischen Musikverband warb. Mit dem Hoch auf König Wilhelm von Württemberg endete die Ansprache.

Notenblatt "Grüß Gott, du schönes Allgäu"
"Grüß Gott, du schönes Allgäu" - Marsch von Franz Laub (Klarinette 1)

Jetzt trat Verbandsdirigent Franz Laub ans Pult. Der große Gesamtchor aller Kapellen begann mit dem Torgauer Marsch. Sicher leitete Laub die vielen hundert Musiker beim Chor der Priester aus der "Zauberflöte" von Mozart und den drei schwäbischen Volksliedern "Jetzt gang i ans Brünnele", "Sah ein Knab ein Röslein stehn" und "Muß i denn zum Städtele hinaus". Der Höhepunkt jedoch war der abschließende Marsch: Franz Laub hatte eigens zum Musikfest einen neuen Marsch komponiert und ihn der gastgebenden Stadtkapelle Isny gewidmet, "Grüß Gott, du schönes Allgäu". Die Wirkung der Gesamtchöre war großartig.

Autograph "Grüß Gott, du schönes Allgäu" (Posaune)
"Gruß Gott, du schönes Allgäu" (Posaune) - Handschrift des Komponisten Franz Laub

Das Wettbewerbsergebnis

Nach den Gesamtchören folgten Einzelvorträge von Kapellen auf dem Festplatz, der prall gefüllt mit Menschen war. Auch die Wirtshäuser in der Stadt waren brechend voll, überall war ein Klingen und Singen, das Bier floß in Strömen.

Dann nahte um 17 Uhr der spannende Moment: Die Bekanntgabe der Wettbewerbsergebnisse. Den Siegerpreis, den Pokal der Stadt Isny, gewann die Bürgermusik aus Waldsee (1. Preis). Weitere 1. Preise in der höheren Stufe gewannen die Kapellen aus Schussenried (1a, Pokal des Verbandes) und Bergatreute (1b, Pokal der Schützengilde). In der niederen Stufe erzielte die Musik aus Weißenau einen 1. Preis und errang damit den silbernen Pokal der Stadtmusik. Für die restlichen Vereinigungen wurden 2. und 3. Preise vergeben. Alle Kapellen erhielten ein kunstvoll gestaltetes "Diplom", eine Urkunde über ihr Ergebnis. Dann das Resultat der verbandssatzungskonform außer Konkurrenz angetretenen Stadtkapelle Laupheim: Höchstpunktzahl des Tages! Wäre das Orchester regulär beteiligt gewesen, wäre der Siegerpreis nach Laupheim gegangen. So gab es als Anerkennung für die herausragendste Tagesleistung "nur" eine Ehrengabe.

Nach der Bekanntgabe begaben sich die Kapellen in ihre Quartierlokale, feierten dort ihre Preise. Die meisten reisten mit den Zügen um 19 Uhr ab. Es mußten ob des Andrangs gleich zwei sehr lange Züge eingesetzt werden, die vollgepfropft mit Fahrgästen waren. Der zweite Zug brauchte längere Zeit, um überhaupt vom Fleck zu kommen.

In Isny fand im Straußsaal noch eine gemütliche Unterhaltungsfeier statt, bei der Stadtschultheiß Bär den Festverantwortlichen seinen Dank erstattete. Am Montag, den 26.07.1909 wurde morgens um 7 Uhr ein Ausflug nach Birkach unternommen. Zurück in Isny wurde um 10 Uhr ein Frühschoppenkonzert gegeben. Ob die Stadtkapelle Laupheim diesen Zusatztag - wie 1908 spontan in Waldsee - noch anhängte, ist nicht überliefert.

Was vom Musikfest übrig bleibt

Das I. Oberschwäbische Musiker-Verbands-Fest in Isny 1909 ist trotz seiner Bedeutung für die oberschwäbische Blasmusik und seines großen Erfolges weitgehend in Vergessenheit geraten. Kein Bild existiert davon, keine genauen Ergebnislisten sind überliefert. So wissen wir nicht, wieviele Punkte die Stadtkapelle Laupheim tatsächlich erzielt hat und wie der Abstand zur folgenden Kapelle aus Waldsee war. Was die "Ehrengabe" war, die die Laupheimer für ihre Leistung empfangen haben, ist ebenfalls nicht mehr bekannt. Eine Urkunde über die Teilnahme existiert nicht.

Stadtkapelle Laupheim 1909
Stadtkapelle Laupheim 1909

Die Stadtkapelle Laupheim wurde nicht wie 1908 mit "großem Bahnhof" in Laupheim empfangen - man hatte schließlich keinen "offiziellen" Preis errungen. Für Franz Laub war die Teilnahme dagegen von Bedeutung, sicher auch, weil es sein erstes Verbandsmusikfest als Verbandsdirigent war. Am Sonntag, den 01.08.1909 gab die Stadtkapelle im "Schwanen-Garten" ein Konzert zur Nachfeier des Verbandsmusikfestes, das gut besucht war. Bei der Gemeinderatssitzung einen Tag zuvor hatte sich Laubs außerordentliche Leistung von Isny und der vergangenen Jahre in einer Belohnung niedergeschlagen: Seine jährliche Vergütung seitens der Stadt wurde rückwirkend vom 01.07. an verdoppelt. Beim "II. Großen Konzert" am 05.12.1909 wurden die beiden Wettbewerbswerke von Isny dem Laupheimer Pubilkum vorgetragen. Beim II. Abonnementskonzert der Stadtkapelle 1913 führte Laub in Erinnerung an Isny eines der dort vorgetragenen Wettbewerbsstücke erneut auf. Noch 1933 stellte Laub den 24 Jahre zuvor errungenen Erfolg von Isny in einer Ansprache heraus.